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| 1. | Einleitung |
Insekten, Klasse des Stammes der Gliederfüßer.
Insekten sind die am höchsten entwickelte Klasse der Wirbellosen, wenn man von einigen Weichtieren absieht. Ihr gut gegen Austrocknung und andere äußere Einflüsse geschützter Körper, das relativ hoch entwickelte Nervensystem und die Flugfähigkeit der meisten Arten haben sie in die Lage versetzt, fast alle Lebensräume der Erde zu besiedeln; es gibt sogar einige meeresbewohnende Vertreter. Die Klasse ist weltweit verbreitet, ihre größte Individuenzahl und Mannigfaltigkeit erreicht sie in den Tropen, wo Insekten nahezu allgegenwärtig sind.
Etwa eine Million rezente (heute lebende) Arten wurden bisher beschrieben, womit Insekten rund 85 Prozent aller Tierarten ausmachen. Nach Ansicht von Insektenkundlern (Entomologen) ist ein Vielfaches der Zahl bereits bekannter Insekten noch unentdeckt bzw. unbenannt, da vor allem die wenig untersuchten Kronendächer tropischer Regenwälder vermutlich eine enorme Artenvielfalt beherbergen. Die ältesten fossilen Insekten fand man in Gesteinen aus dem Devon, die rund 400 Millionen Jahre alt sind; diese Tiere waren flügellos und ähnelten Hundertfüßern, mit denen die Klasse auch am engsten verwandt ist. Im Karbon fanden sich bereits Insekten, die im Körperbau den heutigen Schaben glichen.
Insekten zeigen erhebliche Größenunterschiede: Winzige parasitische Fliegen, Wespen und Käfer sowie einige Vertreter der Ordnung Springschwänze (die allerdings möglicherweise eine eigenständige Gliederfüßergruppe repräsentieren) werden nur etwa einen Viertel Millimeter lang; das kleinste bekannte Insekt ist die lediglich 0,14 Millimeter große Wespe Dicopomorpha echmepterygis, die in Costa Rica vorkommt. Fossile, mit den heutigen Libellen verwandte Arten wiesen dagegen Flügelspannweiten von mehr als 70 Zentimetern auf; ihr Körper war 45 Zentimeter lang. Die größten heute lebenden Insekten sind südostasiatische Gespenstschrecken mit einer Körperlänge von ungefähr 30 Zentimetern (inklusive der Beine sind sie fast doppelt so lang) und einige Nachtfalter mit Flügelspannweiten bis 40 Zentimeter. Als schwerste Insekten gelten die Weibchen der seltenen neuseeländischen Riesenheuschrecke Deinacrida heteracantha, die über 70 Gramm erreichen können, sowie einige tropische Käferarten aus der Familie der Blatthornkäfer.
Im Allgemeinen sind Insekten ganz spezifisch an ihre Umwelt angepasst. Viele Arten hängen von einer einzigen Pflanzenart ab; sie ernähren sich dabei oft ausschließlich von einem bestimmten Teil der Pflanze, etwa den Blättern, dem Stängel, den Blüten oder den Wurzeln. Häufig ist die Beziehung zwischen Insekt und Pflanze auch für Wachstum und Vermehrung der Pflanze notwendig, etwa wenn diese auf eine Bestäubung durch Insekten angewiesen sind (was für einen großen Teil der höheren Pflanzen zutrifft); es handelt sich dabei um Koevolution. Blattschneiderameisen leben in einer Symbiose mit Pilzen, die sie regelrecht kultivieren. Eine Reihe von Insektenarten ernährt sich von faulendem Pflanzenmaterial, andere von Dung oder Aas; sie alle tragen zur Zersetzung toter organischer Stoffe maßgeblich bei (siehe Fäulnis und Verwesung). Auch als Schädlinge an Kulturpflanzen spielen viele Insekten eine große Rolle.
Viele Arten leben räuberisch oder als Parasiten, oft im Körper von anderen Insekten. Manche Insekten parasitieren auf anderen parasitischen Insekten, ein Phänomen, das man als Sekundär- oder Hyperparasitismus bezeichnet; in vereinzelten Fällen leben sie sogar parasitisch auf Sekundärparasiten. Auch für Mensch und Tier sind zahlreiche Insekten als Parasiten und Krankheitsüberträger von Bedeutung. Einige wenige Insektenarten sind zwar nicht streng parasitisch, leben aber auf Kosten anderer Insekten, mit denen sie eng verbunden sind. Ein Beispiel für eine derartige Beziehung ist die Wachsmotte; sie lebt in Bienenstöcken und ernährt sich von den Waben der Bienen. Bisweilen ist die Beziehung zwischen zwei Arten auch symbiotisch: So versorgen Ameisenvölker bestimmte mit ihnen zusammenlebende Käfer mit Nahrung und erhalten als Gegenleistung von den Käfern abgesonderte Flüssigkeiten; auch mit Blattläusen pflegen manche Ameisen eine derartige Beziehung.
| 2. | Körperbau |
Der Körper der Insekten ist in drei Teile gegliedert: Kopf, Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen). Jeder dieser Teile setzt sich aus mehreren Segmenten zusammen, die einander prinzipiell gleichen (entsprechend dem Bauplan der Gliedertiere); vor allem Kopf- und Brustsegmente sind jedoch oft stark abgewandelt. Die ursprünglich sechs Segmente des Kopfes sind außerdem in der Regel so stark miteinander verschmolzen, dass man sie kaum voneinander abzugrenzen vermag. Am Kopf sitzen zwei Antennen (Fühler), das Labrum (Oberlippe), ein Paar Mandibeln (Oberkiefer), ein Paar Maxillen (Unterkiefer), die wiederum ein Paar Palpen (Taster) tragen; weiterhin ein verschmolzenes zweites Maxillenpaar, das Labium (Unterlippe), ebenfalls mit einem Paar Taster. Die normalerweise an der Vorderseite des Kopfes sitzenden Antennen sind gegliedert. Bei einigen Insekten tragen die Fühler Geruchs- und Tastsinnesorgane. Die Mandibeln sind große, starke, auf beiden Seiten des Mundes sitzende Zangen, die horizontal schließen und zum Ergreifen und Zerbeißen von Nahrung dienen. Die Mundwerkzeuge zahlreicher Insekten, die sich auf flüssige Nahrung spezialisiert haben, sind zum Saugen und/oder Stechen oder Lecken umgewandelt.
An jedem der drei Brustsegmente sitzt jeweils ein Beinpaar, so dass alle Insekten insgesamt sechs Beine besitzen. Viele Larven weisen zusätzlich mehrere Paare beinartiger Körperanhänge auf, die man als Bauch- oder Afterfüße bezeichnet. Die Gestalt der Beine variiert je nach Art der Nutzung, doch alle Insektenbeine bestehen aus fünf Gliedern; das letzte Glied, der Tarsus, ist seinerseits meist gegliedert und trägt winzige Klauen oder Haftläppchen. Bei den geflügelten Insekten sitzt am zweiten und am dritten Brustsegment jeweils ein Paar häutige Flügel. Einige Insektenordnungen haben gar keine oder nur zwei Flügel; bei den Zweiflüglern (Fliegen und Mücken) etwa sind die Hinterflügel zu Schwingkölbchen (Halteren) umgewandelt, die durch Rotation die Tiere im Flug stabilisieren helfen. Die Flügelmembranen enthalten ein Netzwerk aus erhärteten Röhren, den so genannten Adern, die den Flügel versteifen. Das Adermuster der Flügel ist meist charakteristisch für die jeweiligen Arten und wird daher von Entomologen oftmals als Grundlage zur Klassifizierung genutzt.
Der Hinterleib von Insekten besteht in der Regel aus zehn oder elf deutlich abgegrenzten Segmenten. Der After liegt stets am letzten Segment; bei einer Reihe von Ordnungen, z. B. Schaben, Libellen, Ohrwürmern und Steinfliegen, sitzt an diesem Segment noch ein Paar Fühler, die man Cerci nennt. Bei weiblichen Insekten trägt der Hinterleib den Eiablageapparat (Ovipositor), der zu einem Stachel, einem Dorn oder einem Bohrer zur Ablage der Eier im Körper von Tieren oder in Pflanzen umgewandelt sein kann. Die Geschlechtsorgane der Insekten liegen am achten oder neunten Hinterleibssegment.
Insekten besitzen ein Außenskelett; es wird auch als Exoskelett bezeichnet und besteht aus einer derben Hülle. Diese wird gebildet, indem sich die Außenhaut (Cuticula) durch Einlagerung von Farbstoffen und Polymerisation (Verknüpfung) von Proteinen erhärtet – ein Vorgang, den man als Sklerotisierung bezeichnet. Wichtigster Inhaltsstoff ist das Polysaccharid Chitin. An den Gelenken sklerotisiert (erhärtet) das Außenskelett nicht; sie bleiben daher flexibel. Während der Wachstumsphase jedes Insekts finden Häutungen (Ecdysis) statt, da das starre Exoskelett nicht mitwachsen kann; beim gehäuteten Tier wird anschließend das Außenskelett unter Hormoneinfluss neu gebildet. Die äußerste Körperschicht enthält Wachs und bietet damit einen wirksamen Schutz vor Austrocknung, der den Vorfahren der Insekten den Übergang zum Landleben ermöglichte.
| 3. | Verdauung |
Der Verdauungskanal der meisten Insekten ist untergliedert in eine Speiseröhre (Oesophagus), Vorderdarm, Mitteldarm (oder Magen) und Hinterdarm. Im Vorderdarm folgen der Speiseröhre vom Mund her ein Kropf und ein Vormagen, der bei vielen Arten ein muskulöser Kaumagen ist. Der Kropf dient als Nahrungsspeicher. In die Speiseröhre münden Speicheldrüsen, deren Absonderungen während des Kauens mit der Nahrung vermischt werden. Die Verdauung findet überwiegend im Mitteldarm statt, die Aufnahme der Nährstoffe erfolgt im Mittel- und Hinterdarm. Abfallstoffe gelangen zur Ausscheidung in den Hinterdarm. Mit dem vorderen Teil des Hinterdarmes verbunden ist eine große Zahl kleiner Röhrchen, die Malpighi-Gefäße. Abfallstoffe in der Hämolymphe (dem Blut der Insekten) gelangen durch die Wände dieser Gefäße in den Hinterdarm, von wo sie aus dem Insektenkörper ausgeschieden werden.
| 4. | Atmung und Blutkreislauf |
Manche Insektenarten atmen durch Diffusion über die Körperwand, doch im Allgemeinen besteht das Atmungssystem aus einem Netzwerk von Röhren, den so genannten Tracheen. Diese leiten die Luft durch den gesamten Körper zu kleineren, verzweigten Röhrchen, den Tracheolen, die sämtliche Organe des Körpers versorgen. Die Öffnungen der Tracheen nach außen nennt man Stigmen. Die Stigmen liegen seitlich im Panzer des Insekts; in der Regel sind es 20 (zehn Paare), vier davon an der Brust und 16 am Hinterleib. Einige wasseratmende Insekten besitzen kiemenartige Strukturen.
Das Blutgefäßsystem der Insekten ist einfach. Die gesamte Leibeshöhle ist mit Blut gefüllt, das mittels eines einfachen Herzens zur Zirkulation gebracht wird; man spricht von einem offenen Blutkreislauf. Das Herz ist eine an beiden Enden offene Röhre, die unter dem Außenskelett über die gesamte Länge des Körpers am Rücken des Insekts entlang verläuft. Die Wände des Herzens können sich zusammenziehen, um das Blut durch das Herz nach vorn in die Leibeshöhle zu pressen.
| 5. | Nervensystem und Sinnesorgane |
Das Nervensystem der Insekten enthält zwei zentrale Nervenstränge, die entlang der Körperunterseite vom Kopf bis in den Hinterleib verlaufen. Die Stränge sind im Normalfall pro Körpersegment mit einem Paar Ganglien oder Nervenknoten versehen (weshalb man von einem Strickleiternervensystem spricht). Das Gehirn liegt direkt oberhalb der Speiseröhre und besteht aus drei Ganglien, die zu einem großen Ganglion verschmolzen sind. Die Sinnesorgane der Insekten sind teilweise komplex (z. B. Tympanalorgane) und äußerst empfindlich; das Gehör etwa ist oft präzise auf die Frequenz der Laute des anderen Geschlechts abgestimmt. Neben den klassischen fünf Sinnen der höheren Tiere gibt es auch ungewöhnliche Orientierungsleistungen wie den magnetischen Sinn der Honigbiene und der Termiten sowie die Fähigkeit vieler Arten, Ultraviolettstrahlung und polarisiertes Licht wahrzunehmen. Manche Singzikaden können Töne im Ultraschallbereich hören. Schaben und viele Grillen tragen an ihren Schwanzborsten (Cerci) Härchen mit Tastsinneszellen, die minimale Luftdruckunterschiede registrieren können; dies ermöglicht ihnen die Flucht vor Fressfeinden, deren Atmung sie spüren können.
Es gibt zwei Typen von Insektenaugen: Komplex- oder Facettenaugen und Punktaugen. Jedes der beiden Komplexaugen, die gewöhnlich direkt hinter den Fühlern sitzen, besteht aus bis zu 30 000 lichtempfindlichen Kegeln, den so genannten Ommatidien; sie sind unter einer Linse gruppiert, die aus sechseckigen, prismenförmigen Facetten besteht. Je mehr Ommatidien ein Komplexauge hat, desto besser nimmt es schnelle Bewegungen wahr; je weniger Ommatidien (und je größer somit in Relation die einzelne Linse), desto lichtempfindlicher ist es. Daher haben gewandte Flieger wie beispielsweise Libellen große, an Ommatidien besonders reiche Komplexaugen, während nachtaktive oder verborgen lebende Insekten oft Augen mit nur wenigen Einzellinsen haben. Manche Arten besitzen nur einfache Punktaugen (Ocellen), die bei vielen anderen zusätzlich auftreten (meist liegen sie zu dritt zwischen den Komplexaugen). Punktaugen dienen der Wahrnehmung von näheren Objekten und Schwankungen der Lichtintensität. Jedes Punktauge besteht aus einer einfachen Linse über einer Reihe lichtempfindlicher Nervenzellen, die alle über einen einzigen Nerv mit dem Gehirn in Verbindung stehen. Die meisten Insekten, besonders Blüten besuchende Formen, können verschiedene Farben unterscheiden. Eine Reihe von Arten ist blind.
| 6. | Metamorphose |
Ein Charakteristikum der Entwicklung von Insekten von der Geburt bis zur Reife ist die Metamorphose, die Verwandlung über eine oder mehrere Formen zum Erwachsenenstadium. Das Wachstum ist von Häutungen begleitet, bei denen der starre Chitinpanzer aufplatzt, sobald er zu eng wird. Man unterscheidet zwei Formen der Metamorphose. Bei einer unvollständigen Verwandlung (Hemimetabolie) kommt das Insekt in relativ ausgereifter Form zur Welt, diese so genannte Nymphe ähnelt der geschlechtsreifen Form, besitzt aber noch keine oder nur teilweise ausgebildete Flügel und keinen Fortpflanzungsapparat. Die Nymphe verwandelt sich direkt (ohne Puppenstadium) weiter; jedes nachfolgende Stadium ähnelt mehr der Erwachsenenform, die man als Imago bezeichnet. Manche Nymphen zeigen eigene Anpassungen, die bei den Imagines nicht vorkommen: Wasserlebende Nymphen etwa haben als Atmungsorgane oft so genannte Tracheenkiemen am Hinterleib, die räuberischen Libellenlarven tragen zum Beuteerwerb ausklappbare Fangmasken am Unterkiefer.
Bei einer vollständigen Verwandlung (Holometabolie) schlüpft aus dem Insektenei eine Larve, die sich meist deutlich von den Adulten (erwachsenen Tieren) unterscheidet; oft ist beispielsweise noch keine Gliederung des Körpers in drei Teile erkennbar, und einige sind beinlos (Maden). Diese Larvalphase dient fast ausschließlich der Ernährung und dem Wachstum, während bis zu neun Häutungen stattfinden können; typische Beispiele sind die Raupen von Schmetterlingen. Hat die Larve in etwa die Größe des ausgewachsenen Insekts erreicht, so verwandelt sie sich in eine Puppe (Chrysalis), ein unbewegliches Ruhestadium, bei dem das Tier oft in einen Kokon eingeschlossen ist und keine weitere Nahrung zu sich nimmt. Aus der Puppe geht schließlich die Imago hervor, die vor allem der Verbreitung und Fortpflanzung dient. Bei manchen Käfern, Fliegen und parasitischen Hautflüglern macht die Larve eine oder mehrere Umwandlungen durch (in der Regel, um sich an Veränderungen im Nahrungsangebot anzupassen), bevor sie sich verpuppt; dies nennt man Hypermetabolie.
Die Lebensweisen von Larven und Imagines derselben Art unterscheiden sich oft deutlich, besonders hinsichtlich der Ernährung. In vielen Fällen sind die Mundwerkzeuge verschieden: Schmetterlingsraupen etwa nagen Pflanzenblätter ab, während die erwachsenen Tiere dank ihres Saugrüssels und ihrer Flugfähigkeit in kurzer Zeit den Nektar zahlloser Blüten aufnehmen können. Wasserlebende Stechmückenlarven sind Filtrierer, während die erwachsenen Tiere als Parasiten Blut (Weibchen) bzw. Pflanzensäfte (Männchen) saugen. Auch Larven leben oft parasitisch oder als Parasitoide (die ihren Wirt umbringen), während sich die Adulten vegetarisch ernähren. Die Bedeutung dieses Phänomens liegt darin, dass Elterntiere und Nachkommen unterschiedliche ökologische Nischen bilden und oft Konkurrenz vermeiden, so dass beide in größerer Zahl im selben Habitat existieren können.
Die meisten Insekten verbringen den Großteil ihres Lebens als Larve. Extrem sind in dieser Hinsicht die Eintagsfliegen, die einige Wochen bis vier Jahre als Nymphen in Fließgewässern leben. Nach der letzten Verwandlung zur Imago leben die meisten nur noch wenige Stunden oder gar Minuten, während der Paarung und Eiablage stattfinden. Die amerikanischen Siebzehnjahreszikaden (siehe Singzikaden) verbringen 13 bis 17 Jahre als Larven im Boden. Meist im Mai des letzten Jahres kommen die in Gruppen lebenden Insekten gemeinsam heraus, häuten sich ein letztes Mal und paaren sich; nach der Eiablage der Weibchen lebt keines der Tiere länger als bis Anfang Juli. In trockenem Holz bohrende Bockkäfer und Prachtkäfer sollen vereinzelt sogar 50 Jahre als Larve verbracht haben. Die gewöhnliche Stubenfliege kann hingegen innerhalb von zehn Tagen die Geschlechtsreife erreichen, und die Generationszeit mancher Blattläuse beträgt nicht einmal eine Woche. Die Generationszeit kann bei vielen Insekten aufgrund einer Unterbrechung der Ei- oder Larvalentwicklung, die man als Diapause bezeichnet und die vor allem im Winter oder zu Trockenzeiten eingelegt wird, verlängert sein. Eine Diapause tritt auch bei einigen Imagines auf, z. B. bei Schmetterlingen.
| 7. | Fortpflanzung |
Die überwiegende Zahl der Insekten ist getrenntgeschlechtig, aber es gibt auch Zwitter. Die Paarung findet bei den meisten Arten nur einmal statt, woraufhin die Weibchen den Samen der Männchen in der Spermatheka im Hinterleib bis zum Lebensende aufbewahren. Neben der sexuellen Vermehrung kommen verschiedene Formen der Parthenogenese (Jungfernzeugung) vor. Einige Gallwespen und Blattwespen pflanzen sich ausschließlich auf diese Weise fort. Blattläuse zeigen einen Generationswechsel, bei dem sexuelle Vermehrung sich mit Parthenogenese – oft mehrere Generationen lang – abwechselt; man bezeichnet dies als Heterogonie. Bei der Honigbiene und anderen Staaten bildenden Insekten produziert das als Königin bezeichnete, fortpflanzungsfähige Weibchen im Verlauf mehrerer Jahre Tausende von Eiern, die von den Männchen (bei der Honigbiene Drohnen genannt) befruchtet wurden und sich zu Weibchen (Arbeiterinnen) entwickeln. Aus unbefruchteten Eiern entstehen Männchen. Bei einigen Nachtfaltern können aus unbefruchteten Eiern beide Geschlechter hervorgehen. Manche Fliegen vermehren sich gelegentlich durch Paedogenese, bei der sexuell unreife Larven oder Puppen Eier produzieren. Die Imagines vieler Arten sterben bald nach der Paarung; Weibchen leben meist länger, weil sie noch die Eiablage vollziehen müssen.
Die meisten Insekten legen ihre Eier ab, und die Jungen schlüpfen außerhalb des elterlichen Körpers. Einige Insekten sind lebend gebärend oder ovovivipar, z. B. Blattläuse, Napfschildläuse und eine Reihe von Schaben; bei Tsetsefliegen und manchen Lausfliegen erfolgt die Verpuppung der Larve bei der Geburt. Auch die Eiablagegewohnheiten verschiedener Arten weichen voneinander ab: Zahlreiche Insekten legen einzelne Eier oder Eiklumpen an jenen Pflanzen ab, von denen sich die Larven ernähren. Eine Reihe von Insekten legt ihre Eier in die Gewebe der Futterpflanze, wodurch an den Blättern oder Stängeln der Pflanzen Schwellungen oder Gallen entstehen. Manche Insekten, z. B. Schlupfwespen, betreiben Brutparasitismus. Bei parasitischen Arten aus der Familie der Erzwespen zeigt sich das Phänomen der Polyembryonie, bei der sich aus einem einzelnen Ei bis 2 000 Embryonen entwickeln.
| 8. | Soziale Insekten |
Die sozialen oder Staaten bildenden Insekten leben im Gegensatz zur Mehrzahl der Arten in organisierten Gruppen. Sie umfassen Ameisen, Termiten, etwa 800 Wespenarten sowie 500 Bienenarten (auch Hummeln). Im charakteristischen Fall wird eine derartige Insektengesellschaft von einem oder zwei Muttertieren und einer großen Zahl von Nachkommen gebildet. Die einzelnen Mitglieder einer Kolonie sind in Kasten aufgeteilt, von denen jede eine bestimmte Funktion hinsichtlich Ernährung, Schutz und Fortpflanzung erfüllt; die Individuen verschiedener Kasten weisen auffallend unterschiedliche körperliche Merkmale auf. Viele haben ein gutes Erinnerungsvermögen und sind zu einer ausgeprägten Kommunikation untereinander in der Lage, die vor allem mittels verschiedener Pheromone abläuft. Ein solcher „Superorganismus” ist hinsichtlich seiner Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Umweltbedingungen unter den Wirbellosen nahezu konkurrenzlos.
Wanderheuschrecken haben nicht die ausgeprägte Organisation und Kommunikation von Staaten bildenden Insekten, kommen aber gelegentlich während einer Massenvermehrung zu Schwärmen von über einer Milliarde Einzeltieren zusammen (hochgerechnet nach Schätzungen der Individuenanzahl in einem Kubikmeter). Wie ein Beobachter im Mittleren Westen der USA Ende des 19. Jahrhunderts berichtete, können sich solche gigantischen Ansammlungen während ihrer Wanderungen über ein Gebiet von mehr als 300 000 Quadratkilometern erstrecken (sowie über einen Kilometer in die Höhe) und sind in der Lage, die gesamte nährstoffreiche Vegetation eines Gebiets innerhalb weniger Stunden aufzufressen.
| 9. | Lockmittel von Insekten |
Lockmittel sind all jene sichtbaren, hörbaren und chemischen Mittel, mit denen Insektenweibchen Männchen anlocken und umgekehrt. Manche Insekten wie Leuchtkäfer oder Schmetterlinge locken Geschlechtspartner optisch an; Grillen, Heuschrecken und Zikaden verwenden hierzu Laute. Bei vielen Insektenarten setzen die Weibchen Pheromone frei, mit denen sie die Männchen anlocken. Amerikanische Schaben können bereits einen Duft wahrnehmen, wenn nur 500 bis 1 000 Moleküle pro Milliliter Luft vorhanden sind. Weibliche Nachtfalter der Familien Pfauenspinner und Glucken können Männchen ihrer Art aus mehreren Kilometern Entfernung anlocken; in einem Versuch lockte eine eingesperrte weibliche Gemeine Kiefernbuschhorn-Blattwespe mehr als 11 000 Männchen an. Bei der Insektenbekämpfung macht man sich dies zunutze: Man gewinnt den Lockstoff (in der Regel für jede Insektenart eine andere chemische Substanz) von den Weibchen, oder er wird synthetisiert, sofern seine Struktur bekannt ist. Man verwendet diesen chemischen Stoff dann, um Männchen der entsprechenden Art anzulocken und mit einem Insektizid in Kontakt zu bringen oder in eine Falle fliegen zu lassen, aus der sie nicht entkommen können.
| 10. | Systematische Einordnung |
Die Klasse Insecta wird von verschiedenen Entomologen auf unterschiedliche Art und Weise untergliedert; die folgende Klassifizierung ist repräsentativ. Man unterscheidet anhand der Gliederung der Fühler und des Ansatzes der Mundwerkzeuge zwei Unterklassen, die Ectognatha („Freikiefler”) und die Entognatha („Sackkiefler”); zu Ersteren gehören die bei weitem meisten Arten. Die frühere Unterscheidung zwischen geflügelten und flügellosen Insekten gilt heute als falsch, da dies nicht der tatsächlichen stammesgeschichtlichen Verwandtschaft entspricht.
Die relativ kleine Gruppe der Entognatha wird in drei Ordnungen unterteilt: die Protura (Beintastler), eine Gruppe winziger, blinder Insekten; die Diplura (Doppelschwänze), zu denen der größte Vertreter der Entognatha gehört, ein etwa fünf Zentimeter langes Insekt der Gattung Heterojapyx; und die Collembola (Springschwänze), die aber möglicherweise ein von den Insekten getrenntes, eigenes Taxon repräsentieren.
Die Ectognatha werden, vor allem aufgrund von Unterschieden der Flügel und Mundwerkzeuge, in 30 Ordnungen unterteilt. Deren größte sind Coleoptera (Käfer), Lepidoptera (Schmetterlinge), Hymenoptera (Hautflügler, zu denen u. a. Ameisen, Bienen und Faltenwespen gehören), Diptera (Zweiflügler mit Mücken und Fliegen) und Hemiptera (Schnabelkerfe; z. B. Wanzen, Zikaden, Blattläuse und Schildläuse).
Weiterhin (nach ungefährer Artenzahl geordnet): Orthoptera (Geradflügler, zu denen u. a. Grillen und Heuschrecken gehören); Trichoptera (Köcherfliegen); Odonata (Libellen); Planipennia (Netzflügler, wozu Florfliegen und Ameisenjungfern gehören); Blattodea (Schaben); Phthiraptera (Tierläuse, mit den Echten Läusen und Haarlingen); Thysanoptera (Fransenflügler oder Thripse); Plecoptera (Steinfliegen); Phasmida (Gespenstschrecken oder Stabheuschrecken); Isoptera (Termiten); Ephemeroptera (Eintagsfliegen); Siphonaptera (Flöhe); Psocoptera (Staubläuse); Mantodea (Fangschrecken); Dermaptera (Ohrwürmer); Strepsiptera (Fächerflügler); Mecoptera (Schnabelhafte); Embioptera (Tarsenspinner); Zygentoma (Fischchen; siehe Silberfischchen); Archaeognatha (Felsenspringer); Megaloptera (Schlammfliegen) und Raphidioptera (Kamelhalsfliegen).
Die beiden 1913 entdeckten Ordnungen der Zoraptera (Bodenläuse) und der Grillenschaben (Grylloblattodea oder Notoptera) umfassen jeweils nur etwa 20 Arten, und die erst 2002 in Südafrika beschriebenen Gladiatoren (Mantophasmatodea), den Fangschrecken ähnliche räuberische Insekten, lediglich sechs Arten.