Armut
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Armut
2. Bedeutungswandel von Armut in der europäischen Geschichte

Historisch wurde Armut in der europäischen Geistesgeschichte unterschiedlich bewertet. In der Bibel gilt im Alten Testament Armut teilweise als selbst verschuldet; das Neue Testament thematisiert den Gegensatz von Arm und Reich als ethisch-moralische Problematik. Im mittelalterlichen Christentum wurde freiwillige Armut, wie etwa von den Bettelorden propagiert und gelebt, als geistliches Ideal gewertet. Sie sollte auf die Bedeutungslosigkeit von materiellem Besitz für das Seelenheil der Menschen verweisen. Bis zur Neuzeit wurde Armut als weitgehend unveränderliches, da gottgegebenes Schicksal angesehen, das in engen Zusammenhang mit der Erbsünde der Menschen gebracht wurde. Diese vormoderne Einstellung des Christentums lenkte von den politischen und ökonomischen Ursachen der Armut ab und trug damit nicht unwesentlich zur Festigung der feudalen Herrschaftsverhältnisse bei. Mit dem Aufkommen des weltlich diesseitig ausgerichteten Humanismus der Neuzeit und verschiedener reformatorischer bzw. sozialreformerischer Bewegungen rückten die wirtschaftlichen und politischen Ursachen der Armut ins Blickfeld.

Bedingt durch die Industrialisierung und damit Proletarisierung großer Teile der Bevölkerung kam es im 18. und 19. Jahrhundert zu Massenarmut in Europa – und in der Folge zu ersten ökonomisch-politischen Untersuchungen des Phänomens Armut. Der Ökonom Thomas Malthus (1766-1834) stellte fest, die Bevölkerung tendiere dazu, schneller zu wachsen als die für ihre Ernährung notwendige Nahrungsmittelproduktion. Folglich wären Hilfen für die Armen sinnlos, da sie nur zu einer weiteren Vermehrung der armen Bevölkerung führten. Karl Marx setzte den Lebensstandard der Arbeiter ins Verhältnis zu dem Reichtum, den sie während des Arbeitsprozesses erzeugen. Diesen (wachsenden) Reichtum eigneten sich jedoch die Arbeitgeber an. Die Arbeiter seien insofern arm, als sie von den Produktionsmitteln und den hergestellten Produkten getrennt seien. Nicht eine bestimmte Lohnhöhe, sondern das Lohnarbeitsverhältnis als solches implizierte für Marx Armut auf Seiten der Lohnarbeiter.