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| 1. | Einleitung |
Tiergeographie, Forschungsgebiet, das die geographische Verbreitung von Tierarten untersucht.
Tiere ertragen wechselnde Umweltbedingungen in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Manche Arten überleben in Lebensräumen vielfältigster Art, andere dagegen sterben, wenn sie ihr natürliches Umfeld verlassen müssen. Im Gegensatz zum Menschen können sich Tiere ihre Umwelt nicht gezielt so einrichten, dass sie unter völlig fremdartigen Umständen überleben könnten. Dazu sind viele Generationen der Anpassung notwendig. Die Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt sind das Forschungsgebiet der Ökologie. Die Tiergeographie versucht, die Verbreitung der Tiere unter ökologischen Gesichtspunkten zu erklären.
Hinsichtlich der Umwelt von Tieren kann man grundsätzlich zwischen Lebensräumen an Land und im Wasser unterscheiden. Flugfähige Lebewesen ordnet man nach ihren Rückzugsgebieten an Land oder im Wasser ein, die sie letztlich wieder aufsuchen. Die Wasserbewohner unterteilt man in Meeres- und Süßwassertiere.
| 2. | Meeresbewohner |
Viele Walarten und zahlreiche Raubfische trifft man in allen Meeren an. Die meisten Meeresbewohner sind jedoch auf relativ engumgrenzte Klimazonen beschränkt. Diese Verbreitungsgebiete verlassen sie in der Regel nicht. Ist eine solche Klimazone durch eine Landmasse unterbrochen, können sich die Tiere nicht einmal innerhalb der Zone ungehindert bewegen.
Im Meer herrschen in den einzelnen Tiefenschichten sehr unterschiedliche Umweltbedingungen. Die Wassertemperatur sinkt mit zunehmender Tiefe, und gleichzeitig steigt der Druck. Auch die Nährstoffversorgung, die von Zahl und Art der vorhandenen Pflanzen und Tiere abhängt, wechselt in den verschiedenen Tiefenschichten erheblich. Die Meerestiefe variiert viel stärker als das Relief an Land. Deshalb handelt es sich bei den wenigen weltweit verbreiteten Meerestieren um Arten, die an der Oberfläche oder relativ dicht darunter leben. Tiere, die in Tiefen von 6 000 bis 7 500 Metern zu Hause sind, können einen untermeerischen Bergrücken, der bis 3 000 Meter unter die Oberfläche reicht, nicht überqueren.
Wenn man annimmt, dass Temperatur, Druck und Ernährungsbedingungen jeweils relativ einheitlich sind, kann man die Lebensräume im Meer in drei Zonen einteilen: Litoral, pelagische Zone und Tiefsee. Zum Litoral gehören die Küstengebiete der Meere bis in eine Tiefe von etwa 180 Metern. Die Tierwelt dieses Bereichs besteht aus dem reichhaltigen Leben der Küstengewässer mit Korallen, Muscheln, höheren Krebsen und Fischen. Die pelagische Zone umfasst das Oberflächenwasser auf dem offenen Meer bis in die Tiefe des Litorals. Viele pelagische Arten, z. B. Quallen und Fische, die eine Schwimmblase besitzen, sind daran angepasst, passiv im Meer zu treiben. Die meisten Bewohner dieses Bereichs sind jedoch aktive Schwimmer. Die Tiefsee schließlich ist der tiefe, lichtlose Teil der Ozeane. Dort gibt es so gut wie kein pflanzliches Leben. Die Tiefseetiere (z. B. Krebse) ernähren sich von abgestorbenen Lebewesen, die aus der pelagischen Zone herabsinken. Ein einzigartiges Element dieser Umwelt sind Lebensgemeinschaften an heißen Quellen des Meeresbodens. Die Nahrungsketten dieser Gemeinschaften gründen sich auf schwefelverwertende Bakterien.
| 3. | Süßwassertiere |
Die Lebensgemeinschaften des Süßwassers sind wesentlich stärker vom Klima abhängig als diejenigen im Meer. Die Weltmeere bedecken riesige Flächen und tauschen ihr Wasser in erheblichem Umfang untereinander aus. Bei den Binnengewässern ist das nicht der Fall. Deshalb sind Süßwassertiere in ihrer Ausbreitung weit mehr eingeschränkt als Meeresbewohner. Binnengewässer unterscheiden sich in ihrer chemischen Zusammensetzung stärker als Ozeane, weil die im Süßwasser gelösten anorganischen Stoffe sich nicht im gleichen Umfang wie die Salze des Meerwassers über weite Bereiche verteilen können. Grundsätzlich unterteilt man Binnengewässer in zwei große Kategorien: Fließgewässer und stehende Gewässer. Fließgewässer stehen meistens mit dem Meer in Verbindung, und die vielen Meeresbewohner, die in Flüsse einwandern, stellen einen wichtigen Teil ihrer Tierwelt dar. Wegen der zumeist starken Strömung müssen die hier lebenden Tiere entweder gute Schwimmer sein (wie der Lachs), am Gewässerboden leben (wie die Flusskrebse) oder sich an Steinen, Wasserpflanzen und Abfallmaterial festheften (wie die Egel). In stehenden Gewässern herrscht dagegen kaum Strömung, und deshalb sind langsam schwimmende und sesshafte Arten dort reichlich vertreten. In Stillgewässern sammelt sich pflanzlicher und tierischer Abfall stärker an als in Fließgewässern, so dass Pflanzen sich stark vermehren können und der Tierwelt reichhaltige Nahrung bieten.
| 4. | Landtiere |
Wie bei den Wasserbewohnern, so wird auch die Verbreitung der Landtiere durch Umweltbedingungen eingeschränkt. Die größten Hindernisse sind Gewässer, welche die Landmassen trennen, hohe Gebirge und ausgedehnte Wüsten. Eine weit vom Festland entfernt gelegene Insel hat unter Umständen eine ganz andere Tierwelt als der benachbarte Kontinent. Ein auffallendes Beispiel ist die Insel Madagaskar: Dort gibt es keine Großsäuger, aber mehrere Familien von Primaten kommen ausschließlich hier vor. Auch etwa 100 Vogelarten Madagaskars leben nirgendwo sonst.
Die Landflächen der Erde kann man in große, auch als Faunenreiche bezeichnete tiergeographische Regionen mit charakteristischen Artenspektren einteilen: (1) Die Holarktis mit den beiden Subregionen Paläarktis und Nearktis. Die Paläarktis umfasst Europa, Asien nördlich des Himalaya sowie Afrika bis zum Südrand der Sahara; zur Nearktis zählen Grönland, Kanada, die Vereinigten Staaten von Amerika und der mexikanische Bundesstaat Sonora; (2) zur Orientalis gehören Indien, Myanmar, Thailand, Indonesien und die Philippinen; (3) die Äthiopis besteht aus Afrika südlich der Sahara; (4) die Australis beinhaltet Australien, Neuseeland, Neuguinea und die Inselwelt Ozeaniens; (5) die Neotropis umfasst den Süden Mexikos, die Westindischen Inseln, Mittel- und Südamerika.