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| 1. | Einleitung |
Psychoanalyse, Bezeichnung einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin zur Erforschung unbewusster geistiger Prozesse; auf dieser gründet auch eine Form der Psychotherapie, die sich bestimmter Methoden bedient, wie z. B. der Deutung der geheimen Wünsche und der Widerstände, die deren freier Äußerung entgegengebracht werden. Der Begriff Psychoanalyse bezieht sich auch auf die systematische Struktur psychoanalytischer und psychopathologischer Theorien. Diese beruhen auf den Daten aus Deutungsversuchen und Therapien zum Verhältnis zwischen bewussten und unbewussten psychischen Prozessen.
| 2. | Theorie der Psychoanalyse |
Die Technik der Psychoanalyse und ein Großteil der psychoanalytischen Theorie wurden von Sigmund Freud entwickelt. Seine Arbeit bezüglich der Struktur und der Funktionsweise des menschlichen Geistes war sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hinsicht von weit reichender Bedeutung.
| 1. | Das Unbewusste |
Die erste von Freuds Neuerungen war seine Erkenntnis der unbewussten psychischen Vorgänge. Diese folgen anderen Gesetzmäßigkeiten als bewusste Prozesse. Unter dem Einfluss des Unbewussten können sich Gedanken und Gefühle, die eigentlich zusammengehören, verschieben oder aus ihrem Zusammenhang gerissen werden. Zwei ungleiche Vorstellungen oder Bilder können zu einer einzigen Vorstellung oder einem einzigen Bild verschmelzen; Gedanken können in Form von Bildern dramatisiert werden, anstatt sich als abstrakte Begriffe zu äußern; und manche Objekte können symbolisch in Form von Bildern anderer Objekte dargestellt werden, obwohl die Ähnlichkeit zwischen dem Symbol und dem ursprünglichen Objekt vage oder weit hergeholt erscheinen mag. Die Gesetze der Logik, die für das bewusste Denken unerlässlich sind, lassen sich auf diese unbewussten geistigen schöpferischen Prozesse nicht anwenden.
Die Erkenntnis dieser Funktionsweisen von unbewussten geistigen Vorgängen hat das Verständnis von zuvor so unverständlichen psychologischen Phänomenen wie dem Träumen ermöglicht. Durch die Analyse unbewusster Prozesse betrachtete Freud Träume als einen Schutzmechanismus, der den Schlaf gegen störende Impulse schützen sollte, die von innen an die Oberfläche drängten und mit frühen Kindheitserinnerungen zusammenhingen. So werden inakzeptable Impulse und Gedanken, auch latenter Trauminhalt genannt, in ein bewusstes Erlebnis umgewandelt, das nicht mehr unmittelbar verständlich ist und manifester Traum genannt wird. Das Wissen dieser unbewussten Mechanismen erlaubt dem Analytiker, die so genannte Traumarbeit (dies ist der Prozess, in dem der latente in den manifesten Traum umgewandelt wird), umzukehren und durch eine Interpretation des Traumes die ihm zugrunde liegende Bedeutung herauszufinden.
| 2. | Instinktive Triebe |
Eine grundlegende Annahme der Freud’schen Theorie besteht darin, dass die unbewussten Konflikte mit instinktiven Impulsen (Trieben) zusammenhängen, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Wenn diese unbewussten Konflikte vom Patienten durch die Analyse erkannt werden, kann er Lösungen finden, die für den unreifen Geist des Kindes nicht möglich waren. Diese Beschreibung der Rolle instinktiver Triebe im Leben eines Menschen ist ein typisches Merkmal der Freud’schen Theorie.
Nach Freuds Lehrschrift über kindliche Sexualität ist die Sexualität des Erwachsenen das Endprodukt eines komplexen Entwicklungsprozesses. Seinen Anfang nimmt er in der Kindheit, bezieht eine Vielzahl von Körperfunktionen oder -bereichen (orale, anale und genitale Zonen) mit ein und verschiedene Stadien des kindlichen Verhältnisses zu Erwachsenen, vor allem zu seinen Eltern. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die so genannte ödipale Phase, die etwa im Alter von vier bis sechs Jahren auftritt, weil das Kind auf dieser Entwicklungsstufe zum ersten Mal einer emotionalen Bindung zum Elternteil des anderen Geschlechts fähig ist, die der Beziehung eines Erwachsenen zu seinem Partner ähnelt. Das Kind reagiert zugleich als Rivale des Elternteiles mit demselben Geschlecht. Die körperliche Unreife verurteilt das Verlangen des Kindes zur Frustration und seinen ersten Schritt zum Erwachsensein zum Scheitern. Geistige Unreife macht die Situation noch komplizierter, da sie die Kinder Angst vor ihren eigenen Phantasien haben lässt. Das Ausmaß, in dem das Kind dieser emotionalen Wallungen Herr wird und in dem diese frühkindlichen Bindungen, Ängste und Phantasien im Unbewussten weiterleben, hat einen starken Einfluss auf das spätere Leben als Erwachsener, vor allem auf seine Liebesbeziehungen.
Die Konflikte, die in den früheren Entwicklungsphasen auftreten, haben auch die wichtige Bedeutung eines formenden Einflusses, weil diese Probleme die frühesten Urformen so grundlegender menschlicher Situationen wie Abhängigkeit von anderen und Erfahrung von Autorität darstellen. Das Verhalten der Eltern, das diese gegenüber dem Kind während dieser Entwicklungsphasen zeigen, spielt ebenfalls eine grundlegende Rolle bei der Prägung des Individuums. Allerdings verkompliziert die Tatsache, dass das Kind nicht nur auf die objektive Realität reagiert, sondern auch auf phantastische Verzerrungen der Realität, die best gemeinten erzieherischen Bemühungen.
| 3. | Es, Ich und Über-Ich |
Der Versuch, die verwirrende Zahl von miteinander in Zusammenhang stehenden, im Zuge der psychoanalytischen Forschung gemachten Beobachtungen zu systematisieren, führte zur Entwicklung eines Modells des strukturellen Aufbaus der Psyche. Diese besteht aus drei funktionellen Systemen, die zweckmäßig als Es, Ich und Über-Ich bezeichnet werden.
Das erste System bezieht sich auf die sexuellen und aggressiven Neigungen, die ihren Ursprung im Körper haben, der vom Geist unterschieden wird. Freud nannte diese Neigungen Triebe. Sie werden oft ungenau als Instinkte bezeichnet, um auf ihren inneren Ursprung hinzuweisen. Diese dem Körper innewohnenden Triebe verlangen nach sofortiger Befriedigung, die als angenehm empfunden wird. Das Es wird daher vom Lustprinzip beherrscht. In seinen späteren Schriften tendierte Freud eher zu einer psychologischen als zu einer biologischen Einordnung der Triebe.
Die Aufgabe des zweiten Systems, des Ichs, ist die Gewährleistung der Befriedigung. Das Ich ist das Zentrum von Funktionen wie Wahrnehmung, Denken und motorische Kontrolle, durch die das Ich Umweltbedingungen genau einschätzen kann. Um seine Funktion der Anpassung, oder des Realitätstestes, zu erfüllen, muss das Ich in der Lage sein, die Befriedigung der instinktiven Impulse aus dem Es zurückzustellen. Um sich gegen inakzeptable Impulse zu verteidigen, entwickelt das Ich spezielle psychische Hilfsmittel, die als Abwehrmechanismen bezeichnet werden. Diese umfassen z. B. Verdrängung (das Aussperren von Impulsen aus der bewussten Wahrnehmung), Projektion (der Prozess, seine eigenen unbewussten Wünsche anderen zuzuschreiben) und Reaktionsbildung (der Aufbau eines Verhaltensmusters, das in einem direkten Widerspruch zu einem starken unbewussten Bedürfnis steht). Solche Abwehrmechanismen werden immer dann aktiviert, wenn Angst die Gefahr signalisiert, dass die ursprünglichen inakzeptablen Impulse wieder an die Oberfläche kommen könnten.
Inakzeptabel wird ein Impuls des Es nicht nur durch die zeitweilige Notwendigkeit, seine Befriedigung zurückzustellen, bis das Individuum die geeigneten Umweltbedingungen gefunden hat. Viel häufiger erfolgt die Einstufung als inakzeptabel infolge eines Verbots, das dem Individuum von anderen auferlegt worden ist, meist von seinen Eltern. Die Gesamtheit dieser Anforderungen und Verbote stellt den wesentlichen Gehalt des dritten Systems, des Über-Ichs, dar. Seine Funktion ist es, das Ich in Übereinstimmung mit den von den Eltern vorgegebenen verinnerlichten (internalisierten) Normen zu kontrollieren. Wenn die Anforderungen des Über-Ichs nicht erfüllt werden können, kann es bei der betreffenden Person zu einem Gefühl der Scham und Schuld kommen.
Da das Über-Ich in der Freud’schen Theorie aus dem Kampf, den ödipalen Konflikt zu überwinden, hervorgeht, ist seine Macht der eines Triebes vergleichbar. Es ist teilweise unbewusst und kann Schuldgefühle aufkommen lassen, die nicht durch irgendeine bewusste Überschreitung gerechtfertigt werden. Das Ich, das zwischen den Anforderungen des Es, denen des Über-Ichs und denen der Außenwelt vermitteln muss, ist unter Umständen nicht stark genug, diese miteinander in Konflikt stehenden Kräfte zu versöhnen. Je mehr das Ich in seiner Entwicklung behindert wird, weil es in frühere Konflikte verstrickt ist (Fixierungen oder Komplexe), oder je mehr es auf frühere Befriedigungen und archaische Funktionsweisen zurückgreift (Regression), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, diesem Druck zu unterliegen. Das Individuum ist unfähig, normal zu funktionieren, und kann seine begrenzte Kontrolle und seine Integrität nur aufrechterhalten, indem es neurotische Symptome entwickelt, in denen sich die Spannungen offenbaren.
| 4. | Angst |
Eine der Säulen der modernen psychoanalytischen Theorie und Praxis ist das Konzept der Angst, die in bestimmten Gefahrensituationen geeignete Abwehrmechanismen auslösen soll. Diese Gefahrensituationen sind nach der Beschreibung Freuds
Daher stellen alle Symptome, dazu gehören charakterliche und impulsive Störungen, die Freud Perversionen nannte, und Sublimierungen ausnahmslos Kompromisse dar. Diese Kompromisse sind nichts anderes als verschiedene Formen der Anpassung. Das Ich versucht diesen Zustand der Anpassung zu erreichen, indem es die sich im Konflikt befindlichen Kräfte in seinem Geist mehr oder weniger erfolgreich zu vereinen sucht.
| 3. | Psychoanalytische Schulen |
Verschiedene Schulen der Psychoanalyse haben ihre Lehrmeinungen anders benannt, um auf Abweichungen von der Freud’schen Theorie aufmerksam zu machen.
| 1. | Carl Gustav Jung |
Carl Gustav Jung, einer der ersten Schüler Freuds, gründete schließlich eine eigene Schule, die er Analytische Psychologie nannte. Wie Freud verwendete auch Jung das Konzept der Libido; allerdings bedeutete Letztere für ihn nicht nur sexuelle Triebe, sondern die Gesamtheit aller kreativen Instinkte und Impulse sowie die gesamte Motivationskraft eines Menschen.
Nach Jungs Ansicht besteht das Unbewusste aus zwei Teilen: dem privaten Unbewussten, das die gesamten persönlichen Erfahrungen des Individuums enthält, und dem kollektiven Unbewussten, dem Sammelbecken sämtlicher Erfahrungen der Menschheit. Im kollektiven Unbewussten gibt es eine Reihe von Urbildern, oder Archetypen, die allen Individuen eines bestimmten Landes oder einer geschichtlichen Epoche gemeinsam sind. Archetypen haben die Form von kleinen Stücken intuitiven Wissens oder einer Ahnung und existieren normalerweise nur im kollektiven Unbewussten des Individuums.
Wenn das Bewusstsein keine Bilder enthält, wie während des Schlafes, oder wenn es unkonzentriert ist, dominieren die Archetypen. Diese tendieren dazu, natürliche Prozesse in Form von guten und bösen Geistern, Feen und Drachen zu personifizieren. Mutter und Vater sind ebenfalls wichtige Archetypen.
Ein wichtiges Konzept in Jungs Theorie ist die Existenz zweier grundlegend verschiedener Typen von Persönlichkeit, geistiger Einstellung und Funktionsweise. Wenn die Libido und das allgemeine Interesse des Individuums nach außen auf Menschen und Objekte der Außenwelt gerichtet werden, spricht man von einer extrovertierten Person. Wenn das Gegenteil der Fall ist und Libido und Interessen auf die eigene Person bezogen sind, spricht man von einem introvertierten Typ. Bei einem völlig normalen Individuum halten sich diese beiden Tendenzen die Waage und keine dominiert, aber meist tendiert die Libido hauptsächlich in die eine oder andere Richtung. Als Folge können zwei Persönlichkeitstypen unterschieden werden.
Jung lehnte Freuds Unterscheidung zwischen dem Ich und dem Über-Ich ab; er erkannte einen Teil der Persönlichkeit, der etwas dem Über-Ich ähnelt und den er die Persona nannte. Diese Persona stellt das dar, was der Mensch anderen gegenüber sein möchte, im Gegensatz zu dem, was der Mensch tatsächlich tut. Die Persona ist die Rolle, die Individuen für ihr Leben wählen, der Eindruck, den sie auf ihre Umwelt machen wollen.
| 2. | Alfred Adler |
Alfred Adler, ein anderer von Freuds Schülern, unterschied sich insoweit von Freud und Jung, als er den Schwerpunkt auf ein Gefühl der Unterlegenheit legte, das seiner Meinung nach die treibende Kraft des Menschen darstellt. Dieses Gefühl entsteht, sobald ein Kleinkind die Existenz von anderen Menschen in seiner Umgebung begreift, die besser in der Lage sind, für sich zu sorgen und mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Ab dem Moment, in dem sich das Gefühl der Unterlegenheit eingestellt hat, versucht das Kind, dieses Gefühl zu überwinden. Weil Unterlegenheit unerträglich ist, kann es passieren, dass das Individuum die Kontrolle über die von seinem Geist errichteten Kompensationsmechanismen verliert. Die Folge ist eine egozentrische, neurotische Haltung, Überkompensation und ein Rückzug aus der realen Welt und ihren Problemen.
Adler hob vor allem jene Unterlegenheitsgefühle hervor, die aus den drei nach seiner Ansicht wichtigsten Beziehungen entstehen: die zwischen dem Individuum und Arbeit, Freunden und geliebten Menschen. Das Vermeiden von Unterlegenheitsgefühlen in diesen Beziehungen veranlasst das Individuum, sich im Leben Ziele zu setzen, die häufig unrealistisch sind und sich oft als übertriebener Wunsch nach Macht und Dominanz äußern. Dies führt zu jeder Art asozialen Verhaltens, vom Schikanieren anderer und Prahlen bis zur politischen Tyrannei. Adler glaubte, dass eine Analyse ein gesundes und vernünftiges Gemeinschaftsverhalten fördern kann, das nicht destruktiv, sondern konstruktiv ist.
| 3. | Otto Rank |
Ein anderer Schüler Freuds, Otto Rank, formulierte eine neue Theorie der Neurose, indem er alle neurotischen Störungen auf das Urtrauma der Geburt zurückführte. In seinen späteren Werken beschrieb er die persönliche Entwicklung als eine Entwicklung von vollkommener Abhängigkeit von Mutter und Familie zu einer physischen Unabhängigkeit, die mit der geistigen Abhängigkeit von der Gesellschaft einhergeht, und schließlich zu einem Endstadium völliger geistiger und psychischer Befreiung führt. Rank maß auch dem Willen große Bedeutung bei, den er als positive, leitende Organisation und Integration des Selbst definierte, das die instinktiven Triebe sowohl kreativ nutzt als auch zurückdrängt und kontrolliert.
| 4. | Andere psychoanalytische Schulen |
Spätere erwähnenswerte Modifizierungen der psychoanalytischen Theorie umfassen u. a. die der Psychoanalytiker Erich Fromm, Karen Horney und Harry Stack Sullivan. Diese Modifizierungen werden auch unter dem Begriff Neoanalyse zusammengefasst. Fromm betonte in seinen Theorien vor allem die Vorstellungen, dass die Gesellschaft und das Individuum keine zwei getrennten und gegensätzlichen Kräfte darstellen, sondern dass das Wesen der Gesellschaft von deren historischem Hintergrund bestimmt und dass die Bedürfnisse und Wünsche von Individuen im Großen und Ganzen von der Gesellschaft, in der sie leben, geformt werden. Fromm zufolge besteht das fundamentale Problem der Psychoanalyse und der Psychologie konsequenterweise nicht in der Lösung von Konflikten zwischen festen und unveränderlichen instinktiven Trieben des Individuums und den festen Ansprüchen und Gesetzen der Gesellschaft, sondern im Erreichen von Harmonie und eines Verständnisses der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. Fromm hob auch die Bedeutung der Notwendigkeit für Individuen hervor, ihre geistigen, emotionalen und sinnlichen Kräfte vollkommen beherrschen zu lernen.
Horney arbeitete vor allem therapeutisch und erforschte hierbei das Wesen von Neurosen, die sie in zwei Arten untergliederte: in Situationsneurosen und Charakterneurosen. Situationsneurosen entstehen aus der Angst, die bei einem einzelnen Konflikt auftritt, wie der Konfrontation mit einer schwierigen Entscheidung. Obwohl solche Neurosen eine Person zeitweilig paralysieren (lähmen) und sie dadurch denk- und handlungsunfähig machen können, sind sie nicht sehr tief in der Psyche verwurzelt. Charakterneurosen werden durch eine grundlegende Angst und eine grundlegende Feindseligkeit charakterisiert, die auf einem Mangel an Liebe und Zuneigung in der Kindheit beruhen.
Sullivan glaubte, dass jede Entwicklung nur durch die Beziehungen zu anderen beschrieben werden kann. Sowohl Charaktertypen als auch neurotische Symptome erklären sich als Ergebnis des Kampfes mit der Angst, die sich aus diesen Beziehungen mit anderen ergibt, und als Sicherheitssystem, das zur Verringerung der Angst aufrechterhalten wird.
| 5. | Melanie Klein |
Eine wichtige Denkrichtung, die als englische Schule der Psychoanalyse bekannt ist, beruht auf den Lehren der Psychoanalytikerin Melanie Klein. Ihr Einfluss ist in ganz Europa und Südamerika sehr stark, und ihre wichtigsten Theorien wurden von Beobachtungen abgeleitet, die bei der Psychoanalyse von Kindern gemacht wurden.
Klein postulierte die Existenz komplexer unbewusster Phantasien bei Kindern unter sechs Monaten. Die Hauptquelle der Angst ist die Bedrohung der Existenz, der Todesinstinkt. Abhängig davon, wie konkret das Kind mit den Sinnbildern destruktiver Kräfte in seinen unbewussten Phantasien als Kleinkind umgeht, entstehen zwei grundlegende geistige Haltungen, die Klein die depressive und die paranoide Haltung nannte. Bei der Letzteren besteht der Abwehrmechanismus des Ichs in der Projektion des gefährlichen inneren Objekts auf einen Repräsentanten in der Außenwelt, der als wirkliche, aus der Außenwelt kommende Bedrohung behandelt wird. In der depressiven Haltung wird das bedrohliche Objekt verinnerlicht und in der Phantasie als tatsächlich in der Person enthalten empfunden. Symptome der Depression und Hypochondrie sind die Folge. Obwohl erhebliche Zweifel darüber bestehen, dass solche komplexen unbewussten Phantasien bei Kleinkindern auftreten, sind diese Beobachtungen für die Behandlung unbewusster Phantasien und paranoider Wahnvorstellungen in Psychologie und Psychiatrie sowie für Theorien über frühe Objektbeziehungen von größter Bedeutung.
Das Kernstück der Psychoanalyse, die Krankheitslehre (da von Freud aus der Behandlung psychisch Kranker entwickelt), hat sich in Abhängigkeit von den psychoanalytisch behandelbaren Störungsbildern und den ihnen angemessenen Behandlungstechniken sowie den Veränderungen der Nachbarwissenschaften Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethnologie schon in Freuds Werk und besonders seit seinem Tod stark verändert. Sie wurde von der ursprünglichen Beschränkung auf die so genannten Neurosen mit den Störungsbildern der Hysterie, Zwangsneurosen, Angst- und Konversionsneurosen sowie den Perversionen erweitert auf psychosomatische Krankheiten sowie narzisstische und psychotische Störungen. Der wissenschaftliche Status der Krankheitslehre ist umstritten. Das Behandlungsverfahren hat sich von der klassischen Behandlungstechnik wohlwollender Neutralität des Therapeuten bei Deuten, Stützen und Konfrontieren in Abhängigkeit vom Störungsbild und der Belastbarkeit des Patienten erheblich weiterentwickelt. Es hat sich gezeigt, dass unabhängig von der Richtigkeit der Deutung ein großer Teil der Erfolge auf die Qualität der Beziehung zwischen Patient und Therapeut zurückzuführen ist. Somit besteht ein wesentliches Problem der analytischen Behandlungstechnik in der Handhabung der Gefühle, die die Patienten im Analytiker hervorrufen.
Bezüglich der Metatheorie gibt es nur noch beschränkten Konsens zwischen den unterschiedlichen Psychologen und Theoretikern. Gemeinsam geblieben ist die Vorstellung vom psychischen Determinismus, dem zufolge Psychisches niemals zufällig ist, sondern unter Rückgriff auf die Lebensgeschichte teilweise aufgedeckt und erklärt werden kann. Diese Aufdeckung ist nur gegen den Widerstand und die Abwehr des Betroffenen möglich und schlägt sich in unbewussten Determinanten des emotionalen Erlebens und Gestaltens von zwischenmenschlichen Beziehungen, Übertragungen, Fehlleistungen, Träumen u. a. nieder.
In jüngster Zeit hat sich die Psychoanalyse für das Verständnis der Irrationalität gesellschaftlicher Entwicklungsphänomene als sehr nutzbringend erwiesen, obgleich die psychoanalytischen Gesellschaftsdiagnosen nicht zu einheitlichen Ergebnissen geführt haben.
| 4. | Kritik an der Psychoanalyse |
Die Psychoanalyse hat sich seit ihrer Entstehung stets mit Kritik auseinandersetzen müssen. Insbesondere die von Seiten der akademischen Psychologie vorgebrachte Kritik hat dazu geführt, dass sich Psychologie und Psychoanalyse zwar gelegentlich gegenseitig theoretisch beeinflussten, sich jedoch im Großen und Ganzen weitgehend unabhängig voneinander und in verschiedene, nicht miteinander zu vereinbarende Richtungen entwickelten. Heute sind die wissenschaftlichen Berührungspunkte zwischen Psychologie und Psychoanalyse recht gering, und man kann nicht davon ausgehen, dass sich die entstandene Kluft in absehbarer Zeit schließen lässt.
Die Psychoanalyse sieht sich seit ihrer Entstehung bis heute vehementer Kritik ausgesetzt. Anfangs bezog sich diese Kritik auf die Überbetonung der Bedeutung der Sexualität für die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Diese Kritik ist heute angesichts des vollzogenen gesellschaftlichen Einstellungswandels zur Sexualität verstummt; und es muss der Psychoanalyse sicherlich als eines ihrer Verdienste angerechnet werden, zu diesem gesellschaftlichen Wandel beigetragen zu haben. Die heute vorgebrachte und keineswegs entkräftete Kritik bezieht sich sowohl auf wissenschaftstheoretisch-methodische Argumentationen als auf Einwände empirischer und theoretischer Art von Seiten der akademischen Psychologie.
Adolf Grünbaum unterzog die Psychoanalyse Freuds einer kritischen wissenschaftstheoretischen und methodologischen Analyse, deren Ergebnisse den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse nachhaltig erschüttern. Er wies nach, dass die therapeutische Methode der freien Assoziation bislang keine überzeugenden Belege für die Theorie der unbewussten Motivation psychischer Konflikte erbracht hat. Grünbaum belegte zudem, dass die im Verlauf der Therapie gemachten Beobachtungen sehr anfällig dafür sind, Artefakte der Erwartungen des Therapeuten zu sein. Außerdem kritisierte er, dass bislang wenig empirische Forschung von Wissenschaftlern durchgeführt worden sei, die außerhalb der Psychoanalyse stehen. Nur bei diesen sei die Objektivität nicht grundsätzlich beeinträchtigt, da sie nicht von vorneherein ein großes Interesse an einem für die Psychoanalyse positiven Ausgang von Untersuchungen hätten.
Die empirische Überprüfung der theoretischen Aussagen der Psychoanalyse erbrachte bislang kein überzeugendes Resultat: 1981 gab Paul Kline beispielsweise einen Überblick über 600 Studien; von diesen kamen knapp 100 zu Ergebnissen, die für die Psychoanalyse eher positiv ausfallen, die Ergebnisse der restlichen circa 500 Studien widersprachen deutlich den theoretischen Aussagen der Psychoanalyse oder waren methodisch derart mangelhaft, dass sie argumentativ weder für noch gegen die Psychoanalyse zu verwenden sind. Seitdem hat sich die empirische Basis nicht grundsätzlich verbessert.
Ein weiterer an der Psychoanalyse geäußerter Kritikpunkt ist die mangelnde Effizienz der psychoanalytischen Therapie bzw. der Mangel an Nachweisen für ihre tatsächliche Wirksamkeit im Vergleich zu anderen psychotherapeutischen Verfahren. Dies ist im Fall der Behandlung von Neurosen – der wichtigsten Grundlage, auf die sich die Psychoanalyse stützt – besonders fatal.