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| 1. | Einleitung |
Taiwan, amtlich Ta Chung-Hua Min-Kuo, selbst ernannter Staat in Ostasien, der international weitgehend isoliert ist und von den meisten Staaten (darunter auch die Bundesrepublik Deutschland) nicht anerkannt wird.
China sieht Taiwan als chinesische Provinz an. Taiwan ist vom chinesischen Festland im Westen durch die Formosastraße getrennt und wird im Norden vom Ostchinesischen Meer, im Osten vom Pazifischen Ozean und im Süden vom Südchinesischen Meer begrenzt. Neben der früher in Europa Formosa genannten Insel Taiwan gehören auch die Pescadores-Inseln, die kleinen Quemoy-Inseln vor der Stadt Xiamen auf dem Festland und die Matsu-Inselgruppe vor Fuzhou zu Taiwan. Die Fläche umfasst 36 000 Quadratkilometer. Hauptstadt und größte Stadt ist Taipeh.
| 2. | Land |
Taiwan hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 360 Kilometern und eine maximale Breite von 140 Kilometern. Die Küstenlänge beträgt 1 566 Kilometer. Aufgrund der tektonischen Aktivität der Erdkruste in diesem Bereich ereignen sich häufig Erdbeben.
| 1. | Physische Geographie |
Taiwan wird nahezu auf seiner gesamten Länge von einer zentralen Gebirgskette durchzogen. Höchste Erhebung ist der Yu Shan mit 3 997 Metern. Im Osten fällt diese Gebirgskette zum Taitunggraben ab, der von einem Küstengebirge mit maximalen Höhen um 1 600 Meter begrenzt wird. In westlicher Richtung geht das zentrale Gebirge allmählich in Berg- und Hügelland über, das schließlich zur bis zu 40 Kilometer breiten Küstenebene abdacht.
| 2. | Flüsse |
Alle Flüsse der Insel entspringen im Gebirge. Viele von ihnen sind trotz ihrer geringen Länge wasserreich. Die längsten Flüsse sind Choshui, Kao-p’ing Hsi, Tsengwen und Tanshui. Letzterer ist der einzige schiffbare Fluss der Insel.
| 3. | Klima |
Taiwans Klima ist im Süden tropisch, ansonsten subtropisch und steht unter dem Einfluss des Monsuns. Der überwiegende Teil der Niederschläge fällt zur Zeit des Südwestmonsuns im Sommer, während der winterliche Nordostmonsun trockenere Bedingungen hervorruft. Die Jahresniederschläge liegen im Norden um 3 000 Millimeter, im Süden zwischen 1 500 und 2 000 Millimeter. Die mittleren Temperaturen liegen im Sommer bei 28 °C, im Januar bei 18 °C. Zwischen Juni und Oktober kommt es häufig zu Taifunen.
| 4. | Flora und Fauna |
In Taiwan gedeihen etwa 3 800 Pflanzenarten. In den niedrigen Regionen bis zu einer Höhe von etwa 2 000 Metern überwiegen tropische und subtropische Wälder. Laubbäume und Koniferen wachsen in den Gebieten zwischen 2 000 und 3 000 Metern. Oberhalb dieser Grenze sind ausschließlich Koniferenwälder anzutreffen. Wälder nehmen mehr als die Hälfte der Inselfläche ein.
Zur reichen Fauna gehören 63 Säugetierarten, u. a. Kragenbären, Formosa-Makaken, Seraue (Waldziegenantilopen) und Sikahirsche. Auf der Insel sind auch 445 Vogelarten, darunter mehrere Endemiten wie Swinhoe-Fasan, Mikadofasan und die Formosa-Schweifkitta (eine Elsternart), sowie 80 Reptilien-, 31 Amphibien- und mehr als 400 Schmetterlingsarten heimisch.
| 3. | Bevölkerung |
Taiwan hat etwa 22,92 Millionen Einwohner (2008), was einer durchschnittlichen Bevölkerungsdichte von 711 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht. Die große Mehrheit lebt in der Küstenebene auf der Westseite der Insel. 75 Prozent der Bevölkerung wohnen in Städten.
Die Bevölkerung besteht aus drei Hauptgruppen: Die Taiwanesen stellen etwa 84 Prozent und stammen von Chinesen ab, die im 18. und 19. Jahrhundert aus den Provinzen Fujian und Guangdong auswanderten. Die Chinesen (etwa 14 Prozent) kamen nach dem 2. Weltkrieg (1939-1945) auf die Insel. Die Nachfahren der malayo-polynesischen Ureinwohner machen 2 Prozent aus. Sie sind wahrscheinlich mit den Bewohnern der Philippinen oder Indonesiens verwandt.
| 1. | Wichtige Städte |
Die Hauptstadt Taipeh ist mit einer Einwohnerzahl von etwa 2,63 Millionen (2006) größte Stadt von Taiwan. Weitere große Städte sind Kaohsiung mit 1,51 Millionen Einwohnern (2006), Taichung (1 052 000) und Tainan (757 000).
| 2. | Sprache |
Amtssprache ist Mandarin-Chinesisch, jedoch sprechen die meisten Menschen Taiwanesisch, die Sprache der ersten chinesischen Einwanderer. Hakka, ein weiterer chinesischer Dialekt, ist ebenfalls verbreitet. Englisch wird von vielen Taiwanesen als erste oder zweite Fremdsprache gelernt und in den städtischen Gebieten generell verstanden. Die Nachfahren der Ureinwohner reden Sprachen, die der austronesischen Sprachfamilie angehören.
| 3. | Religion |
Etwa 43 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Buddhismus, 34 Prozent sind Anhänger des Taoismus. Darüber hinaus ist auch der Konfuzianismus verbreitet. Etwa 5 Prozent sind Christen, die meisten davon römisch-katholischer Konfession. Die Muslime machen ein knappes Prozent aus.
| 4. | Soziales |
Die Regierung fördert die soziale Fürsorge durch mehrere Programme. Ein Gesundheits- und Altersversorgungsprogramm sorgt für die Absicherung der Arbeiter in der Privatindustrie. Die medizinische Versorgung ist gut. Die mittlere Lebenserwartung liegt bei 77,8 Jahren (Männer 74,9 Jahre, Frauen 80,9 Jahre, 2008).
| 4. | Bildung und Kultur |
In Taiwan hat sich die traditionelle chinesische Kultur lebendiger als auf dem Festland erhalten. Viele alte chinesische Bräuche und Feste werden gepflegt. Die Familie ist die wichtigste soziale Einheit und die Ahnenverehrung ein zentraler Brauch. Zu den alten Festen gehören das Drachenbootfest, das Herbstmittefest und das Laternenfest.
| 1. | Bildung und Schulwesen |
Das Erziehungssystem basiert auf der Verfassung von 1947. Es versucht die Lehren von Sun Yatsen, dem Gründer der Republik China, zu vermitteln. 93,7 Prozent der Bevölkerung können lesen und schreiben. Der Schulbesuch ist kostenlos und für alle Kinder zwischen sechs und 15 Jahren Pflicht. Zu den wichtigsten Hochschulen zählen die National Taiwan University (1928) und die Soochow-Universität (1900) in Taipeh, die National Cheng Kung University (1931) in Tainan, die National Chung Hsing University (1961) in Taichung und die National Central University (1968) in Chung-li.
| 2. | Kultureinrichtungen |
Taiwan besitzt einige bedeutende Bibliotheken und Museen. Zu den größten Bibliotheken gehören die Nationale Zentralbibliothek und die Taiwanesische Filialbibliothek in Taipeh. Darüber hinaus gibt es weitere 15 öffentliche Bibliotheken.
Die wichtigsten Museen finden sich in Taipeh: Neben dem Nationalen Palastmuseum mit chinesischer Kunst sind das vor allem das Hwa-Kang-Museum mit Sammlungen zur Volkskunst und zur modernen chinesischen Kunst, das Nationalmuseum für Geschichte und das Taiwanesische Provinzmuseum, das Sammlungen der älteren, indonesisch-pazifischen Kulturen enthält.
| 3. | Kunst und Musik |
In Taiwan steht die Kultur ungebrochener in der Tradition Chinas als in der Volksrepublik mit ihren revolutionären Umbrüchen (siehe chinesische Kunst und Architektur; chinesische Literatur; chinesische Musik). Berühmt sind vor allem die Aufführungen von Pekingopern. Reiche Kunstschätze aus vier Jahrtausenden besitzt das National Palace Museum (Nationales Palastmuseum) in Taipeh. Auf dem Drachenberg in Taipeh steht der um 1740 erbaute Longshan-Tempel, der im 2. Weltkrieg zerstört und 1950 rekonstruiert wurde. Neben der chinesischen Kultur ist auch jene der polynesisch-malaiischen Ureinwohner lebendig.
| 4. | Medien |
In Taiwan erscheinen 31 Tageszeitungen und viele Zeitschriften. Zu den führenden Tageszeitungen zählen Central Daily News, China Times und United Daily News, die alle in Taipeh herausgegeben werden, sowie Taiwan Shin Wen Daily News, in Kaohsiung publiziert, und Taiwan Daily News in Taichung.
| 5. | Verwaltung und Politik |
Taiwan ist eine Republik mit Zügen eines Präsidialsystems. Es gilt die noch auf dem chinesischen Festland verkündete Verfassung von 1947, die in der Folgezeit jedoch mehrmals und zum Teil tief greifend geändert wurde. Sie beruht auf dem Prinzip der Gewaltenteilung, und zwar – abweichend von dem westlichen demokratischen System – der Teilung in fünf Gewalten: Exekutive, Legislative, Judikative, Prüfung und Kontrolle, die von je einem Yüan (Staatsrat) ausgeübt werden. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der seit 1996 direkt vom Volk gewählt wird, und zwar jeweils für eine Amtszeit von vier Jahren.
| 1. | Exekutive |
Das oberste Exekutivorgan ist der Exekutiv-Yüan mit dem Ministerpräsidenten an seiner Spitze. Der Ministerpräsident wird im Einvernehmen mit dem Legislativ-Yüan vom Präsidenten ernannt.
| 2. | Legislative |
Die Legislative liegt beim Legislativ-Yüan (dem Parlament), dem laut der Verfassungsänderung von 2005 113 (statt 225 seit 1998 bzw. 164 vor 1998) für vier Jahre (zuvor für drei Jahre) gewählte Mitglieder angehören. Ein weiteres wesentliches Legislativorgan war die Nationalversammlung mit 334 für jeweils vier Jahre gewählten Abgeordneten. Ihre Hauptaufgabe war die Wahl des Staatspräsidenten (bis zur Direktwahl des Präsidenten durch das Volk ab 1996) sowie die Verabschiedung von Verfassungsänderungen. Mit der Verfassungsänderung von 2005, durch die die Abstimmung über Verfassungsänderungen dem Volk übertragen und somit der Nationalversammlung die letzte Kompetenz entzogen wurde, schaffte sich die Nationalversammlung selbst ab.
| 3. | Judikative |
Die höchste Gerichtsbarkeit ist der Justiz-Yüan. Ihm untersteht das gesamte Gerichtswesen vom Obersten Gerichtshof bis zu den Bezirksgerichten, und er ist zugleich oberstes Verfassungsgericht. Der Kontroll-Yüan hat halbjuristische Funktion: Er kontrolliert die Beamtenschaft und wird in Disziplinarangelegenheiten tätig. Der Prüfungs-Yüan ist in erster Linie für die Auswahl der Beamten zuständig.
| 4. | Kommunalverwaltung |
Taiwan ist in 16 Landkreise (hsien), fünf Stadtkreise und zwei Sonderstadtkreise (die Hauptstadt Taipeh und Kaohsiung) unterteilt. Jeder Landkreis ist wiederum aufgegliedert in Verwaltungsbezirke (chen), Landbezirke oder Dorfzusammenschlüsse (hsiang) und Areale.
Taiwan versteht sich als unabhängige Republik und zugleich, da es den Anspruch auf Alleinvertretung aller Chinesen vertritt, als chinesische Provinz. Als solche verfügt Taiwan neben seiner Nationalregierung auch über eine Provinzregierung mit den entsprechenden Institutionen wie etwa einem Gouverneur und einer Provinzversammlung. Der Gouverneur wird vom Präsidenten ernannt, die Mitglieder der Provinzversammlung werden alle vier Jahre vom Volk gewählt.
| 5. | Politik |
Bis 1989 war die Kuomintang die einzige zugelassene politische Partei. Seither entstanden auch andere Parteien wie die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) und die Neue Partei (NP). Die zunehmende Zersplitterung innerhalb der Kuomintang führte ab 2000 zur Gründung weiterer Parteien wie der Volkspartei (PFP) und der Taiwan-Solidaritäts-Union (TSU).
| 6. | Verteidigung |
Die Männer sind zu einem Militärdienst von zwei Jahren verpflichtet. Das Militär hat eine Stärke von 290 000 Soldaten (Armee 200 000 Mann, Luftwaffe 45 000 Mann und Marine 45 000 Mann, 2004). Die Streitkräfte sind mit modernsten Waffen, Flugzeugen und Schiffen ausgestattet. Im März 2002 wurde das Militär einer zivilen Führung unterstellt.
| 6. | Wirtschaft |
Taiwan gehört zu den führenden Industrieregionen Asiens. Große Bedeutung kommen der Hightechindustrie sowie dem Finanz- und Dienstleistungssektor zu. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte Taiwan einen starken Wirtschaftsaufschwung. Mitte der neunziger Jahre veränderte sich die Situation angesichts der allgemein schwach konjunkturellen Lage sowohl auf dem regionalen als auch auf dem Weltmarkt. Deshalb setzte die Regierung Taiwans 1995 ein Reformprogramm (APROC: Asian-Pacific Regional Operations Center) in Gang. Damit soll Taiwan zu einem wichtigen Standort für eigene, amerikanische und europäische Unternehmen entwickelt werden. Vor allem der südostasiatische und der chinesische Markt werden von Experten als viel versprechende Wirtschaftsräume angesehen. Seit November 2001 ist Taiwan Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO).
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 260,6 Milliarden US-Dollar (1998). Davon erwirtschaften der Dienstleistungssektor 53,2 Prozent, die Industrie 37,9 Prozent und die Agrarwirtschaft 8,8 Prozent. Der Handels- und Dienstleistungssektor bildet mit 55 Prozent der Erwerbstätigen den größten Arbeitgeber, in der Industrie sind 37,2 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt.
| 1. | Landwirtschaft |
Die wichtigsten landwirtschaftlichen Unternehmen liegen in der fruchtbaren Ebene des Westens. 7,8 Prozent der Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft beschäftigt, rund 25 Prozent der Gesamtfläche des Landes sind für landwirtschaftlichen Anbau geeignet. Die wichtigste Feldfrucht ist Reis; außerdem werden Süßkartoffeln, Maniok, Spargel, Champignons, Sojabohnen, Erdnüsse, Tee, Bananen, Ananas, Zitrusfrüchte und Zuckerrohr angebaut. In der Viehwirtschaft werden Rinder und Büffel gehalten, die man überwiegend als Zugtiere einsetzt, sowie Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner und Enten.
| 2. | Forstwirtschaft und Fischfang |
Etwa 55 Prozent der Fläche sind bewaldet, aber die Holzproduktion deckt nicht einmal den eigenen Bedarf. Zu den wichtigsten Hölzern zählen Eichen, Zedern und Tannen, außerdem werden Bambus und Rotangpalmen genutzt. Der Fischfang wird zu 80 Prozent aus der Hochseefischerei bestritten. Der Rest setzt sich aus Fängen der Küstenfischerei und aus der Produktion in Fischteichen zusammen. Zu den vorwiegenden genutzten Arten zählen Makrelen und Thunfische.
| 3. | Bergbau |
Aufgrund der geringen Vorkommen an Bodenschätzen ist Taiwans Industrie stark von Rohstoffimporten abhängig. Auf der Insel gibt es Steinkohle, Erdöl und Erdgas sowie Marmor.
| 4. | Industrie |
Vor allem die exportorientierte Elektro- und Hightechindustrie Taiwans nehmen Schlüsselpositionen ein. Ebenfalls bedeutend sind neben der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Nahrungsmittelindustrie die petrochemische Industrie sowie der Schiffs- und Maschinenbau.
| 5. | Währung und Außenhandel |
Die Währungseinheit ist der Neue Taiwan-Dollar zu 100 Cents. Die Zentralbank von China ist die Notenbank. Daneben gibt es in Taiwan Handelsbanken und Büros ausländischer Banken.
Wichtige Exportartikel Taiwans sind Erzeugnisse der Computer- und Elektroindustrie, Textilien und Bekleidung, Produkte der Metallverarbeitung, Kunststoff und Kunststoffprodukte (Spielwaren) sowie Maschinen und Transportmittel. Taiwans Industrie ist vor allem abhängig von dem Import von Rohstoffen und Zwischenprodukten. Eingeführt werden z. B. Elektronikprodukte, Industriemaschinen, Chemikalien, Metalle und Erzeugnisse des Bergbaus. Zu den größten Handelspartnern gehören die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland, Hongkong, Australien und Saudi-Arabien.
| 6. | Verkehrswesen |
Das Straßennetz von Taiwan umfasst knapp 35 000 Kilometer. Der Personenverkehr über Land wird vor allem von privaten und öffentlichen Buslinien übernommen. Das Eisenbahnnetz hat eine Länge von 4 600 Kilometern. Die meisten Eisenbahnlinien sind im Besitz der Industrie und werden überwiegend zur Verschiffung der Waren verwendet. Die bedeutendsten Seehäfen liegen in Jilong, Hualian, Kaohsiung und Taichung. Internationale Flughäfen gibt es in Taipeh und Kaohsiung. Die wichtigste taiwanesische Fluggesellschaft, die China Air Lines, führt sowohl Flüge in Taiwan als auch in das Ausland durch.
| 7. | Energie |
73,4 Prozent des Strombedarfs liefern Wärmekraftwerke, 22,5 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs deckt Taiwan mit Kernenergie (sechs Atomkraftwerke) und 4,1 Prozent durch Wasserkraftwerke.
| 7. | Geschichte |
Taiwan wurde ursprünglich von austronesischen Stämmen bewohnt. Eine erste chinesische Expedition nach Taiwan soll laut chinesischen Quellen bereits 603 v. Chr. durchgeführt worden sein; in etwas größerem Umfang wanderten Chinesen jedoch erst ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. auf der Insel ein und drängten allmählich die ursprüngliche Bevölkerung in das zentrale Bergland ab. Ab dem 12. Jahrhundert brachte Japan vorübergehend Teile der Insel unter seine Herrschaft. Als erste Europäer landeten 1590 die Portugiesen auf der Insel, deren chinesischer Name Taiwan „terrassenförmige Bucht” bedeutet, und benannten sie in Ilha Formosa, „schöne Insel”, um. In der Folgezeit versuchten auch die Spanier, auf der Insel Fuß zu fassen; Portugiesen und Spanier wurden aber schließlich von den Holländern verdrängt, die 1621 die Pescadores-Inseln erobert hatten und bis 1642 die Kontrolle über ganz Taiwan erlangten.
| 1. | Eingliederung in das chinesische Reich |
Nach der Niederlage der Ming-Dynastie gegen die Mandschu (Qing-Dynastie) auf dem chinesischen Festland 1644 flüchteten sich zahlreiche Chinesen, vor allem Anhänger der Ming, nach Taiwan; innerhalb weniger Jahre stieg die Bevölkerung chinesischer Herkunft auf der Insel um das Vierfache auf etwa 100 000 an. Unter der Führung des Abenteurers Zheng Chenggong (auch bekannt als Koxinga) vertrieben diese chinesischen Neuankömmlinge 1662 die Holländer von Taiwan und übernahmen die Herrschaft über die Insel. Die allerdings war nach dem frühen Tod von Zheng Chenggong von inneren Unruhen überschattet und dauerte nur kurz: Schon 1683 eroberten die Mandschu die Insel und gliederten sie dem chinesischen Reich ein. Durch den Vertrag von Tianjin von 1858 musste China den westlichen Großmächten auch auf Taiwan zwei Vertragshäfen für den Handel öffnen: Tanshui im Norden und Tainan im Südwesten der Insel. Infolge der Öffnung Taiwans für den Westen kamen auch katholische und protestantische Missionare auf die Insel.
1885 wurde Taiwan chinesische Provinz und erlebte in den Folgejahren einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung, der Taiwan zur entwickeltsten chinesischen Provinz werden ließ. Während des Französisch-Chinesischen Krieges 1884/85, der mit der Annexion Annams durch Frankreich endete, belegte Frankreich Taiwan zeitweise mit einer Blockade und hielt mehrere Monate lang die Stadt Jilong besetzt. Nach dem Chinesisch-Japanischen Krieg (1894/95) musste China im Frieden von Shimonoseki 1895 Taiwan und die Pescadores-Inseln an Japan abtreten. Die chinesische Bevölkerung von Taiwan jedoch widersetzte sich der japanischen Herrschaft; es kam zu einem Aufstand, der aber von den Japanern niedergeschlagen wurde und ein hartes Besatzungsregime zur Folge hatte. Japan verwaltete Taiwan zunächst als Außenbesitzung; erst 1942, während des 2. Weltkrieges, wurde Taiwan als integraler Bestandteil in das Japanische Kaiserreich eingegliedert.
| 2. | Zuflucht der Nationalchinesen |
Nach seiner Niederlage im 2. Weltkrieg musste Japan 1945 Taiwan und die Pescadores-Inseln an China zurückgegeben (formell bestätigt im Frieden von San Francisco 1951). Die Bevölkerung Taiwans jedoch strebte nach Unabhängigkeit, und im Februar 1947 mündeten die zunehmenden Unruhen gegen die repressive nationalchinesische Kuomintang-Regierung in einem Aufstand. Aber auch dieser Aufstand wurde rasch wieder niedergeschlagen, die Aufständischen hart bestraft – es gab etwa 1 700 Hinrichtungen –, und im April 1947 wurde Taiwan als Provinz China eingegliedert.
Nachdem im Chinesischen Bürgerkrieg (siehe Chinesische Revolution) die Kommunisten unter Mao Tse-tung den endgültigen Sieg über die Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek davongetragen und am 1. Oktober 1949 in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatten, wurde Taiwan ein weiteres Mal Rückzugsgebiet für die auf dem Festland unterlegenen Kräfte: Nun flüchtete sich die nationalchinesische Kuomintang-Regierung auf die Insel und mit ihr etwa zweieinhalb Millionen ihrer Anhänger, darunter etwa ein halbe Million Kuomintang-Soldaten. Am 8. Dezember 1949 richtete die Kuomintang-Regierung unter Chiang Kai-shek in Taipeh ihr Hauptquartier ein, und am 1. März 1950 rief Chiang Kai-shek die „Republik China auf Taiwan” aus, inoffiziell Nationalchina genannt. Staatspräsident der nationalchinesischen Regierung blieb auch auf Taiwan Chiang Kai-shek, und auch die Verfassung hatten die Nationalchinesen vom Festland mit nach Taiwan gebracht.
Die Regierung der „Republik China auf Taiwan” verfocht weiterhin den Anspruch, die einzige legitime Regierung ganz Chinas zu sein. Die meisten Staaten erkannten die nationalchinesische Regierung auf Taiwan an, ebenso die Vereinten Nationen, die Taiwan als Vertreter Chinas als eines der fünf ständigen Mitglieder in den Sicherheitsrat aufnahmen. Die Volksrepublik China dagegen verweigerte der „Republik China” naturgemäß die Anerkennung, betrachtete Taiwan vielmehr weiterhin als chinesische Provinz.
Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges im Allgemeinen und des Koreakrieges im Besonderen erfuhr Taiwan umfangreiche, vor allem militärische Unterstützung der USA: Noch 1950 schickten die USA Marineeinheiten nach Taiwan, um die Volksrepublik China von einem Angriff auf die Insel abzuhalten, und in der Folgezeit entsandten sie in großem Umfang Militärberater zum Aufbau und zur Ausbildung der nationalchinesischen Streitkräfte nach Taiwan. 1954 schlossen die USA und Taiwan ein Verteidigungsabkommen, das u. a. die Beistandspflicht der USA im Falle eines Angriffs der Volksrepublik China auf Taiwan beinhaltete. Im März 1954 wurde Chiang Kai-shek im Amt des Staatpräsidenten bestätigt.
| 3. | Blütezeit |
Dank der Militär- und Wirtschaftshilfe der USA gelang es dem Land, innerhalb kurzer Zeit eine intakte, florierende Wirtschaft aufzubauen, trotz der immensen Verteidigungsausgaben, die den Haushalt extrem belasteten. Bis Mitte der sechziger Jahre, als die USA ihre finanzielle Unterstützung beendeten, waren mehr als vier Milliarden US-Dollar in die taiwanesische Wirtschaft geflossen. In dieser Zeit hatte Taiwan seine Industrieproduktion um 300 Prozent gesteigert und damit als moderne Wirtschaftsmacht, deren Wachstumsrate weit über dem asiatischen Durchschnitt lag, eine Vorreiter- und Vorbildfunktion für zahlreiche asiatische Staaten übernommen (siehe asiatische Tigerstaaten).
1960 und 1966 wurde der autoritär herrschende Chiang Kai-shek für jeweils weitere sechs Jahre im Präsidentenamt bestätigt. 1966 wurden zudem durch eine Verfassungsänderung die Kompetenzen des Staatspräsidenten noch einmal erweitert. Die Nationalversammlung, in deren Zuständigkeit Präsidentenwahl und Verfassungsänderung fielen, setzte sich ausschließlich aus Kuomintang-Anhängern zusammen; andere Parteien waren verboten. Die Kuomintang-Regierung wurde weiterhin von nahezu der ganzen Welt diplomatisch anerkannt, der Außenhandel des Landes boomte, aber immer mehr Staaten suchten nun auch Verbindungen zur Volksrepublik China, was deren Beziehungen zu Taiwan erheblich beeinträchtigte. 1964 beispielsweise brach Taiwan die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich ab, weil dieses die Volksrepublik China anerkannt hatte.
| 4. | Internationale Isolierung |
Ein radikaler Wandel im internationalen Status Taiwans vollzog sich zu Beginn der siebziger Jahre: Im Zuge einer Annäherung der USA an die Volksrepublik China, die 1972 zur Eröffnung eines amerikanischen Verbindungsbüros in Peking führte und 1979 in der Aufnahme diplomatischer Beziehungen gipfelte, verlor Taiwan seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zugunsten der Volksrepublik China. In der Folge rückten zahlreiche weitere Staaten nach und nach von Taiwan ab, zogen ihre diplomatische Anerkennung zurück und isolierten Taiwan international. Die Wirtschafts- und die informellen Beziehungen wurden jedoch in der Regel aufrecht erhalten. 1980 annullierten die USA das Verteidigungsabkommen von 1954.
1972 wurde Chiang Kai-shek zum fünften Mal im Präsidentenamt bestätigt. Nach seinem Tod 1975 folgte ihm zunächst der bisherige Vizepräsident Yen Chia-kan nach, ehe 1978 Chiang Kai-sheks ältester Sohn Chiang Ching-kuo, seit 1972 Ministerpräsident von Taiwan und seit 1975 als Nachfolger seines Vaters Kuomintang-Vorsitzender, zum Präsidenten gewählt wurde. 1984 wurde Chiang im Amt bestätigt. Die Wirtschaft boomte auch in den achtziger Jahren noch, die Wirtschaftsbeziehungen zu Westeuropa wurden intensiviert. 1986 leitete Chiang Ching-kuo eine vorsichtige Demokratisierung ein, und 1987 wurde das Kriegsrecht, das seit 1949 in Kraft war, aufgehoben. Verhandlungsangebote vonseiten der Volksrepublik China über eine Wiedervereinigung Taiwans mit China lehnte die nationalchinesische Regierung jedoch ab.
Chiang Ching-kuo starb im Januar 1988; sein Nachfolger als Staatspräsident und als Kuomintang-Vorsitzender wurde der bisherige Vizepräsident Lee Teng-hui. Mit Lee Teng-hui gelangte erstmals ein auf Taiwan Geborener in das Präsidentenamt; bisher hatten nahezu ausschließlich die 1949 vom Festland geflohenen Kuomintang-Funktionäre die politische Führungsschicht Taiwans gestellt. Lee Teng-hui setzte den gemäßigten Demokratisierungskurs seines Vorgängers fort. 1989 wurde die Neugründung von Parteien offiziell zugelassen, und im selben Jahr gewann die oppositionelle Demokratische Fortschrittspartei (DPP) immerhin 21 der 164 Sitze im Legislativ-Yüan; die Oppositionsparteien zusammen kamen auf 41 Prozent der Stimmen, die dominierende politische Kraft blieb aber weiterhin die Kuomintang. Im März 1990 wurde Lee Teng-hui von der Nationalversammlung für weitere sechs Jahre im Präsidentenamt bestätigt.
1991 hob die taiwanesische Regierung die 1948 während des Bürgerkrieges erlassenen, gegen die Kommunisten gerichteten Notstandsgesetze auf; zudem wurden einige weitere, die Demokratisierung vorantreibende Verfassungsänderungen verabschiedet. Die Wahlen zur Nationalversammlung im Dezember 1991 gewann erneut klar die Kuomintang. Unter Lee Teng-hui bemühte sich Taiwan auch um eine Entspannung der Beziehungen zur Volksrepublik China: Seit Lees Amtsantritt wurde der Handel mit China legalisiert und ausgeweitet, der Reiseverkehr erleichtert; und im April 1993 trafen sich Abgeordnete der chinesischen und der taiwanesischen Regierungen in der Republik Singapur, um über eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu verhandeln, und sie vereinbarten Folgetreffen. Das Treffen in Singapur war der erste chinesisch-taiwanesische Kontakt auf Regierungsebene seit 1949.
Bei den Wahlen zum Legislativ-Yüan im Dezember 1995 erreichte die Kuomintang trotz großer Verluste erneut die absolute Mehrheit der Mandate, allerdings nur knapp; von den Oppositionsparteien gewann allein die DPP ein Drittel der Parlamentssitze. Im Vorfeld der Parlamentswahlen hatte China in der Formosastraße Raketentests und umfangreiche Manöver durchgeführt und die militärische Präsenz durch verbale Drohungen gegen die „abtrünnige Provinz” verschärft. Dasselbe Szenario wiederholte China vor den ersten direkten Präsidentenwahlen in Taiwan im März 1996. Aus diesen Wahlen ging der Amtsinhaber Lee Teng-hui, der auf der Basis des auf ganz China bezogenen Alleinvertretungsanspruchs der Kuomintang-Regierung für eine Wiedervereinigung mit China plädierte, mit 54 Prozent der Stimmen als Sieger hervor; zum Vizepräsidenten wurde der seit 1993 als Ministerpräsident amtierende Lien Chan gewählt. Der Kandidat der DPP, die für die endgültige Loslösung und die staatliche Unabhängigkeit Taiwans eintrat, erreichte gut 21 Prozent der Stimmen. Bei den gleichzeitig stattfindenden Wahlen zur Nationalversammlung errang die Kuomintang trotz erheblicher Stimmenverluste erneut die absolute Mehrheit der Mandate.
Trotz vielfältiger diplomatischer Aktivitäten schritt die von China forcierte internationale Isolierung Taiwans fort. Ende 1996 etwa verkündete Südafrika, der größte unter denjenigen Staaten, die Taiwan anerkannt hatten, die Beendigung seiner Beziehungen zu Taiwan zum Ende des Jahres 1997; weitere Staaten folgten dem südafrikanischen Beispiel. Im Umfeld der Wiedereingliederung Hongkongs in China zum 1. Juli 1997 wiederholte Lee Teng-hui seine strikte Ablehnung der chinesischen Vereinigungspläne, die „ein Land, zwei Systeme” vorsahen; Taiwan sei nicht bereit, sich China unterzuordnen. Im August 1997 trat Ministerpräsident Lien Chan mit seiner Regierung zurück; sein Nachfolger wurde Vincent Siew. Siew war der – nach einer Verfassungsänderung – erste nicht vom Parlament gewählte, sondern vom Präsidenten berufene Regierungschef, und er war der erste nicht auf dem chinesischen Festland, sondern in Taiwan geborene Ministerpräsident. Bei den Parlamentswahlen im Dezember 1998 behauptete die Kuomintang knapp die absolute Mehrheit.
| 5. | Ende der Vorherrschaft der Kuomintang |
Die Präsidentschaftswahlen vom März 2000, die zweiten direkten in der Geschichte Taiwans, leiteten das Ende der über ein halbes Jahrhundert währenden, unangefochtenen Herrschaft der Kuomintang ein: Mit knapp 40 Prozent der Stimmen setzte sich Chen Shui-bian, der Vorsitzende der DPP, klar gegen den Kuomintang-Kandidaten Lien Chan (23,1 Prozent) durch. Allerdings verfügte die Kuomintang weiterhin in Parlament und Nationalversammlung über die absolute Mehrheit, so dass Chen Shui-bian auf die Zusammenarbeit mit der Kuomintang angewiesen war. Zum Ministerpräsidenten ernannte er den bisherigen Verteidigungsminister Tang Fei von der Kuomintang; der trat jedoch nach nur gut vier Monaten im Amt in Oktober 2000 wieder zurück, woraufhin Chen Shui-bian seinen Parteifreund Chang Chun-hsiung als neuen Regierungschef berief. Die Idee Chen Shui-bians, sich als überparteiliches Staatsoberhaupt zu etablieren, war gescheitert.
Bei den Parlamentswahlen vom 1. Dezember 2001 musste die Kuomintang schwere Verluste hinnehmen: Sie gewann nur noch 68 der 225 Mandate, verlor damit ihre absolute Mehrheit und konnte nun nicht mehr die Politik der Regierung Chen Shui-bians blockieren. Ursache für das schlechte Abschneiden der Kuomintang waren innere Auseinandersetzungen und die Zersplitterung der Partei infolge der verlorenen Präsidentschaftswahlen vom März 2000. So wurde die erst 2000 gegründete Volkspartei (PFP) des ehemaligen Kuomintang-Generalsekretärs James Soong mit 46 Mandaten auf Anhieb drittstärkste Partei vor der Taiwan-Solidaritäts-Union (TSU) des ehemaligen Präsidenten Lee Teng-hui (13 Mandate). Stärkste Partei wurde die DPP mit 87 Mandaten. Im Zuge einer Regierungsumbildung wurde im Januar 2002 Yu Shyi-kun (DPP) zum neuen Ministerpräsidenten ernannt.
Die nach wie vor gespannten Beziehungen zu China erfuhren unter Chen Shui-bian erneute Irritationen: Chen und seine DPP forderten in ihrem Programm die volle, international anerkannte staatliche Unabhängigkeit Taiwans; folgerichtig reagierte China auf Chens Wahl mit massiven Drohungen. Nach seinem Amtsantritt bediente sich Chen jedoch moderater Töne und bekräftigte, weder die Unabhängigkeit Taiwans ausrufen oder ein entsprechendes Referendum durchführen, noch das Zweistaatenprinzip in der Verfassung verankern zu wollen; der Anerkennung des Ein-China-Prinzips, die China als Voraussetzung für weitere Verhandlungen forderte, verweigerte er sich jedoch. Angesichts der zunehmenden militärischen Bedrohung Taiwans durch China sagten die USA unter Präsident Bush im April 2001 Taiwan umfangreiche Waffenlieferungen zu sowie ihren Beistand im Falle einer militärischen Aggression seitens Chinas. Drei Jahre zuvor hatte sich US-Präsident Clinton noch strikt ablehnend über das Unabhängigkeitsstreben Taiwans geäußert.
Eine neue Zuspitzung erfuhren die chinesisch-taiwanesischen Beziehungen, als Chen Shui-bian im August 2002 von Taiwan und China als zwei unabhängigen Ländern sprach und – entgegen seiner Zusage nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten – öffentlich die Abhaltung eines Referendums über den künftigen Status Taiwans in Erwägung zog. China antwortete erneut mit militärischen Drohgebärden, bis hin zu Drohung, Taiwan notfalls mit Gewalt einzunehmen. Wenig später modifizierte Chen seine Äußerungen, hielt zwar seine These von den beiden unabhängigen Ländern aufrecht, rückte aber von dem Plan eines Referendums wieder ab.
Die Präsidentschaftswahlen im März 2004 gewann entgegen den Vorhersagen erneut Chen Shui-bian, jedoch nur mit einem dünnen Vorsprung von nur knapp 30 000 Stimmen. Sein unterlegener Herausforderer Lien Chan warf ihm Wahlmanipulation vor und reichte Klage vor dem Obersten Gericht ein, um die Wahl für ungültig erklären zu lassen. Den Vorwurf der Wahlmanipulation konnten internationale Beobachter nicht bestätigen, und auch das Oberste Gericht wies alle Einsprüche gegen die Wahlen ab.
Bei den Parlamentswahlen im Dezember 2004 verteidigte die Opposition aus Kuomintang und PFP ihre Mehrheit von 114 Parlamentssitzen, wobei sich die Kuomintang auf 80 Sitze verbessern konnte, während die PFP auf 34 Mandate abfiel. Die DPP von Präsident Chen Shui-bian gewann 89 Sitze, ihr Partner TSU zwölf. Das schlechte Abschneiden der Regierungspartei wurde u. a. als Absage der Wähler an den Kurs Chen Shui-bians gewertet, der unter Betonung der „taiwanesischen Identität” zunehmend auf Distanz zu China ging.
Das chinesisch-taiwanesische Verhältnis erlebte in der Folgezeit heftige Umschwünge: Kurzfristig zeichnete sich eine Entspannung ab, als um das chinesische Neujahrsfest am 9. Februar 2005 herum erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder Direktflüge zwischen Taiwan und China zugelassen wurden, allerdings nur für drei Wochen. Es folgte eine Verschärfung der Spannungen, als der Nationale Volkskongress in China im März 2005 das so genannte Anti-Abspaltungsgesetz verabschiedete, in dem China Taiwan mit „nicht friedlichen Mitteln” drohte, sollte Taiwan formell seine Unabhängigkeit erklären. In Taiwan wurde dieses Gesetz als „Kriegsgesetz” interpretiert und mit scharfen Protesten zurückgewiesen. Auf eine neuerliche Normalisierung des Verhältnisses deutete der Besuch des Kuomintang-Vorsitzenden Lien Chan Ende April 2005 in China hin, dessen Höhepunkt eine Begegnung zwischen Lien und dem chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao bildete. Es war dies das erste höchstrangige Treffen zwischen Vertretern der Kuomintang und der chinesischen Kommunisten seit 1945.
Aus den Wahlen zur Nationalversammlung im Mai 2005 ging überraschend die DPP als stärkste Kraft hervor; allerdings war nicht einmal ein Viertel der Wahlberechtigten zu den Wahlen gegangen. Die Nationalversammlung verabschiedete einige weitreichende Verfassungsänderungen: die Verkleinerung des Legislativ-Yüan auf 113 Sitze ab den nächst folgenden Wahlen sowie die Verlängerung der Legislaturperiode von drei auf vier Jahre; eine Änderung des Wahlrechts, die vor allem den beiden großen Parteien zugutekommt. Außerdem soll künftig das Volk in Referenden über Verfassungsänderungen abstimmen, wobei die Mehrheit der Stimmen aller Wahlberechtigten (nicht der abgegebenen Stimmen) für die Annahme einer Verfassungsänderung notwendig ist, was Verfassungsänderungen – etwa auch die Erklärung der Unabhängigkeit – relativ schwierig macht. Außerdem schaffte sich die Nationalversammlung durch die Verfassungsänderung selbst ab, da ihre Hauptaufgabe, nämlich die Verabschiedung von Verfassungsänderungen, an das Volk übergegangen war.
| 6. | Wiedererstarken der Kuomintang |
Bei den Parlamentswahlen im Januar 2008 erfuhr die Kuomintang eine weitere Stärkung: Sie gewann 81 der insgesamt nur noch 113 Mandate und damit eine Zweidrittelmehrheit, mit der eine Reihe weitreichender Befugnisse verbunden war, während die DPP nur noch 27 Mandate erhielt. Das Wahlergebnis galt als Votum gegen die Person des Staatspräsidenten Chen Shui-bian, gegen seine Wirtschaftspolitik und auch gegen seinen die Eigenständigkeit Taiwans gegenüber China betonenden Kurs, der zu einer Verschlechterung der Beziehungen zu China geführt hatte. Auch die Präsidentschaftswahlen im März 2008 gewann klar die Kuomintang mit ihrem Kandidaten Ma Ying-jeou, und auch bei dieser Wahl waren die wirtschaftliche Lage und die Beziehungen zu China ausschlaggebend.