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Lamaismus
1. Einleitung

Lamaismus (tibetisch [b]lama: der Obere), in Tibet, Sikkim, Bhutan, Ladakh und der Mongolei vorherrschende Mönchsreligion. Der Lamaismus ist eine Sonderform des Buddhismus, der Elemente der vorbuddhistischen Bon-Religion in sich aufgenommen hat.

2. Geschichte

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts n. Chr. kam der buddhistische Mönch und Gelehrte Padmasambhava, „der aus einem Lotos Geborene” (um 717 bis 762), von Nordindien nach Tibet, wo er als Rinpo-tse, der herrliche Lehrer, bekannt ist. In Tibet begründete er den ersten Orden der Lamas (Mönche). Das erste Kloster, Lamsarie, wurde 747 von ihm gegründet. Von dort aus verbreitete sich die neue Religion sehr schnell. Im 11. Jahrhundert setzte der mongolische Kaiser Kubilai Khan die höchsten Lamas des Klosters Sa-skya als weltliche Herrscher über Tibet ein. Sie regierten das Land bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. Mit dem Niedergang der Mongolenherrschaft entstand die doppelte Lama-Hierarchie des Dalai-Lama (mongolisch dalai: Ozean des Wissens) und des Pantschen-Lama (tibetisch pantschen-rin-po-che: Juwel des großen Gelehrten). Charakterisiert wird diese dadurch, dass die höchsten Ämter nicht vom Vater auf den Sohn vererbt werden, sondern von den jeweiligen Inkarnationen Buddhas auf neue Inkarnationen.

3. Organisation

Der Lamaismus ist hierarchisch aufgebaut. Die Ranghöchsten in der Hierarchie sind die beiden Lamas: der Dalai-Lama und der Pantschen-Lama. Der Dalai-Lama gilt als die Inkarnation des Bodhisattva Avalokiteshvara, während der Pantschen-Lama als Inkarnation des Buddha Amitabha angesehen wird. Vor der Besetzung Tibets durch die Chinesen im Jahr 1950 verfügten beide Lamas über die gleiche Machtfülle, wobei der Pantschen-Lama, dem Rang des von ihm inkarnierten Buddhas entsprechend, als religiöser Führer zunächst über dem Dalai-Lama stand. In neuerer Zeit besitzt der Dalai-Lama jedoch, aufgrund der Befugnis, Recht zu sprechen, die weitaus größere Autorität, auch sehen ihn heute die meisten Tibeter als ihr religiöses Oberhaupt an. Nach der Besetzung Tibets floh der gegenwärtige 14. Dalai-Lama 1959 nach Indien. Der Pantschen-Lama hat das Anrecht auf Mitgliedschaft im chinesischen Volkskongress.

4. Rituale, Festtage und heilige Schriften

Die Verbindung von Ritualen und Mystik mit magischen Vorstellungen ist im Lamaismus auf den Einfluss des Tantrismus zurückzuführen. Nach Auffassung des Tantrismus kann das Aussprechen von mystischen Formeln (Mantras) magische Kräfte beschwören. Auch der Gebrauch von Mandalas geht auf tantrische Einflüsse zurück. Mandalas sind magische Diagramme, die in Form eines Kreises symbolisch den Kosmos darstellen und als Meditationshilfen dienen.

Die klösterlichen Zusammenkünfte, die dreimal täglich stattfinden, werden durch das Läuten einer kleinen Glocke angekündigt. In den Versammlungsräumen sitzen die lamaistischen Mönche entsprechend ihrem geistlichen Rang in Reihen. Die mystische Versenkung wird dadurch unterstützt, dass magische Rituale vollzogen werden. Hierzu gehören Gesänge mit Musikbegleitung sowie das Murmeln mystischer Beschwörungsformeln. Die am meisten gebräuchliche Formel lautet Om mani padme hum, was übersetzt heißt O Juwel in der Lotosblüte.

Zahlreiche lamaistische Feste werden im Lauf des Jahres gefeiert. Das bedeutendste ist das Neujahrsfest, das den Frühlingsanfang markiert und im Februar begangen wird. Daneben gibt es das Blumenfest, an dem der Inkarnation Buddhas gedacht wird. Dieses steht am Anfang des Sommers. Das Wasserfest, das im August und September stattfindet, leitet den Herbst ein.

Die Schriften des Lamaismus sind in zwei große Sammlungen unterteilt: den Tandschur, den Kanon der heiligen Bücher, und den Kandschur, eine Sammlung von Ratschlägen und Vorschriften.