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| 1. | Einleitung |
Issaak Babel (1894-1941), russischer Schriftsteller. Er war eine zentrale Figur der revolutionären Romantik und der so genannten ornamentalen Prosa innerhalb der russischen Literatur.
Issaak Emmanuilowitsch Babel wurde am 13. Juli 1894 als Sohn eines jüdischen Kaufmannes der Mittelschicht in Odessa geboren. Seine ersten Geschichten erschienen auf Vermittlung des väterlichen Freundes Maksim Gorkij 1916 in der Zeitschrift Letopis’; den Großteil seines Werks schrieb Babel in den darauf folgenden 15 Jahren. Anfangs wurden seine Erzählungen in Lokalzeitungen, ab 1921 in Krasnaja Nov’ (Rotes Russland), ab 1923 dann im Futuristenorgan LEF publiziert. Babels realistische, teils aber auch symbolisch überhöhte Texte beruhen zum Teil auf jenen Erfahrungen und Beobachtungen, die der Autor in den frühen zwanziger Jahren bei der russischen Armee in Polen unter General S. Budjonnyj machen musste (Gorkij hatte dem jungen Autor geraten, vor dem Schreiben erst einmal etwas zu erleben); sie fanden Eingang in die aus 30 Novellen komponierte Sammlung Konarmija (1926, Budjonnyjs Reiterarmee, auch: Die Reiterarmee). In dem Erzählzyklus Odesskie rasskazy (1921-1924, Geschichten aus Odessa) beschrieb Babel das Leben im Judenviertel Moldavanka seiner Heimatstadt und verklärte es teils zur exotisch-grotesken Kulisse, so dass man dem Autor vonseiten der sowjetischen Literaturkritik – auch wegen der klaren Suche nach einer neuen Sprache – Formalismus und Ästhetizismus vorwarf. 1927 erschienen Evrejskie rasskazy (Jüdische Erzählungen).
Weniger erfolgreich als Babels Prosaarbeiten waren die dramatisch oft unbefriedigenden, mitunter szenisch zu unausgereiften Theaterstücke Zakat (Uraufführung 1927, Sonnenuntergang) und Marija (1935, Maria); letzteres kam erst 1964 in Florenz erstmals auf die Bühne. Beide Dramen stießen bei den vom Autor inszenierten öffentlichen Lesungen von offizieller Seite ebenfalls auf große Ablehnung. 1935 belegte man Babel mit Publikationsverbot und verhaftete ihn vier Jahre später. Im Zuge der stalinistischen Tschistka wurde er – vermutlich am 17. März 1941 – ermordet; die Rehabilitation erfolgte erst 1957. Zum 100. Geburtstag Issaak Babels erschien 1994 eine von Peter Urban besorgte und kommentierte Neuübersetzung der Reiterarmee ins Deutsche.
| 2. | Werk |
Die Reiterarmee abstrahierte 1926 die Gräuel des Krieges – einschließlich der von den Rotarmisten begangenen – im Hinblick auf die Grausamkeit und Absurdität menschlichen Handelns generell: „Mit einer Kugel kannst du nicht dorthin dringen, wo der Mensch eine Seele hat, und du kannst nicht herausfinden, wie sie ist”, heißt es im Buch: „Aber ich schone mich selber auch nicht, ich trete manchmal auf dem Feind eine Stunde und länger herum, weil ich wissen will, wie es da drinnen aussieht.” Dennoch offenbart sich dem Erzähler gerade hinter den blutigsten Momenten eine Lebensschönheit, die geheimnisvoll und fremd erscheint. Mit ihren detaillierten, oftmals impressionistisch wirkenden Skizzen gehört die Reiterarmee zu den wichtigsten Zeugnissen des Russischen Bürgerkriegs; durch die immer plastische Kühnheit der Bilder und Vergleiche sowie die Betonung formaler Aspekte ist das Buch zudem eines der zentralen Beispiele ornamentaler Prosa. „Ich habe hier zwei Wochen der Verzweiflung erlebt”, beschrieb Babel 1920 angesichts der polnischen Geschehnisse in einem Briefentwurf seine Situation, „die kam von der furchtbaren Grausamkeit, die hier keinen Augenblick aussetzt, und davon, dass ich begriffen habe, wie untauglich ich für das Werk der Zerstörung bin, wie schwer es mir fällt, mich vom Alten loszureißen, von dem, was vielleicht schlecht war, für mich aber nach Poesie gerochen hat, wie der Bienenstock nach Honig, gehe ich jetzt weg, was soll sein – die einen werden die Revolution machen, und ich werde, werde das besingen, was sich abseits findet, das, was tiefer sitzt, ich habe gespürt, das ich das können werde, dafür wird Zeit sein und auch Raum”.
In Zakat, der Geschichte der Rache des zynischen Dandys und Verbrechers Benja Krik am übermächtigen reichen Vater, spiegelt sich im Bild der untergehenden Sonne auch der Verlust einer auf Traditionen und historischen Werten basierenden Gesellschaftsordnung, in der „Gott auf jeder Straße seine Gendarmen” hatte. Marija spielt im entmachteten Adelsmilieu nach der Oktoberrevolution. Bemerkenswerterweise taucht die Titelheldin, Tochter des gebrochenen zaristischen Generals Mukovnin, niemals auf der Bühne auf, sondern konstituiert sich allein aus der Rede der Figuren: Die einzige Identifikationsfigur des Dramas, die sich zur neuen sozialen Ordnung des Kommunismus bekannte, ist in dieser abgelebten Welt aus Sinnleere und Geldgier nirgends greifbar und präsent – ein dramaturgisch innovativer Zug Babels, der zu Verfahren der Moderne weist. Marija sollte in einer zweiteiligen Fortsetzung dann auch als Protagonistin einen Auftritt haben. Diese Dramen, welche mit Marija zu einer Trilogie über die Geschichte der Sowjetunion von 1920 bis 1935 vereinigt werden sollten, kamen allerdings nicht mehr zustande.