| Issaak Babel | Artikelansicht | ||||
| Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken. | |||||
| 2. | Werk |
Die Reiterarmee abstrahierte 1926 die Gräuel des Krieges – einschließlich der von den Rotarmisten begangenen – im Hinblick auf die Grausamkeit und Absurdität menschlichen Handelns generell: „Mit einer Kugel kannst du nicht dorthin dringen, wo der Mensch eine Seele hat, und du kannst nicht herausfinden, wie sie ist”, heißt es im Buch: „Aber ich schone mich selber auch nicht, ich trete manchmal auf dem Feind eine Stunde und länger herum, weil ich wissen will, wie es da drinnen aussieht.” Dennoch offenbart sich dem Erzähler gerade hinter den blutigsten Momenten eine Lebensschönheit, die geheimnisvoll und fremd erscheint. Mit ihren detaillierten, oftmals impressionistisch wirkenden Skizzen gehört die Reiterarmee zu den wichtigsten Zeugnissen des Russischen Bürgerkriegs; durch die immer plastische Kühnheit der Bilder und Vergleiche sowie die Betonung formaler Aspekte ist das Buch zudem eines der zentralen Beispiele ornamentaler Prosa. „Ich habe hier zwei Wochen der Verzweiflung erlebt”, beschrieb Babel 1920 angesichts der polnischen Geschehnisse in einem Briefentwurf seine Situation, „die kam von der furchtbaren Grausamkeit, die hier keinen Augenblick aussetzt, und davon, dass ich begriffen habe, wie untauglich ich für das Werk der Zerstörung bin, wie schwer es mir fällt, mich vom Alten loszureißen, von dem, was vielleicht schlecht war, für mich aber nach Poesie gerochen hat, wie der Bienenstock nach Honig, gehe ich jetzt weg, was soll sein – die einen werden die Revolution machen, und ich werde, werde das besingen, was sich abseits findet, das, was tiefer sitzt, ich habe gespürt, das ich das können werde, dafür wird Zeit sein und auch Raum”.
In Zakat, der Geschichte der Rache des zynischen Dandys und Verbrechers Benja Krik am übermächtigen reichen Vater, spiegelt sich im Bild der untergehenden Sonne auch der Verlust einer auf Traditionen und historischen Werten basierenden Gesellschaftsordnung, in der „Gott auf jeder Straße seine Gendarmen” hatte. Marija spielt im entmachteten Adelsmilieu nach der Oktoberrevolution. Bemerkenswerterweise taucht die Titelheldin, Tochter des gebrochenen zaristischen Generals Mukovnin, niemals auf der Bühne auf, sondern konstituiert sich allein aus der Rede der Figuren: Die einzige Identifikationsfigur des Dramas, die sich zur neuen sozialen Ordnung des Kommunismus bekannte, ist in dieser abgelebten Welt aus Sinnleere und Geldgier nirgends greifbar und präsent – ein dramaturgisch innovativer Zug Babels, der zu Verfahren der Moderne weist. Marija sollte in einer zweiteiligen Fortsetzung dann auch als Protagonistin einen Auftritt haben. Diese Dramen, welche mit Marija zu einer Trilogie über die Geschichte der Sowjetunion von 1920 bis 1935 vereinigt werden sollten, kamen allerdings nicht mehr zustande.