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| 4. | Frühmittelalter |
| 1. | Zerfall des Römischen Reiches |
Die Staatengebilde, die auf dem Boden des untergehenden Römischen Reiches und in dessen Peripherie entstanden, waren alles andere als Staaten im modernen oder auch im antik-römischen Sinn. Das hängt mit den Auswirkungen der Völkerwanderung (4.-6. Jahrhundert) zusammen. Die ältere „Katastrophentheorie” machte den Einbruch der Germanen in das Römische Reich für den Untergang der römisch-antiken Welt verantwortlich, womit sie nicht ganz Unrecht hatte; doch befand sich zu diesem Zeitpunkt das Römische Reich in jeder Beziehung bereits in einer schweren Krise, ohne die das rasche Vordringen der „Barbaren” gar nicht möglich gewesen wäre. Letztlich haben die vergleichsweise wenigen Goten, Langobarden und Franken als Beherrscher Italiens zu einer Gesundung der Wirtschaft beigetragen, da sie das römische „Kulturprodukt” Steuern nicht kannten und sich die Wirtschaft nun frei von drückenden kaiserlichen Geldforderungen entfalten konnte, welche die Volkswirtschaft der Spätantike immens belastet hatten. Die germanischen Eindringlinge mögen zwar so manches zerstört haben, doch waren sie lernfähig und übernahmen in einem lang dauernden Prozess die Errungenschaften der antiken Kultur. Durch das Zusammenwachsen der maroden antiken Hochkultur und der einfachen Lebensweise der germanischen Völker entwickelte sich die Kultur des Mittelalters, wobei die Gebiete des Römischen Reiches einen gewaltigen Kulturvorsprung hatten, den die Regionen jenseits des Limes während des gesamten Mittelalters nicht einholten.
Im Gegensatz zur „Katastrophentheorie” sah der belgische Historiker Henri Pirenne das Zerbrechen der alten Einheit durch das Vordringen des Islam und der Sarazenen in die Mittelmeerwelt im 7./8. Jahrhundert als entscheidende Zäsur für den Beginn des Mittelalters an. Diese These ist wesentlich von der Wirtschaftsgeschichte her begründet und wurde wegen ihrer Einseitigkeit kritisiert und korrigiert, doch hatte sie die historische Tragweite der Geschehnisse richtig erfasst: Die Sarazenen hatten die antike Einheit des Mittelmeerraumes gesprengt. Das Ergebnis von Völkerwanderung und Vordringen der Sarazenen führte zu einem völlig veränderten Bild der politischen Landschaft im Vergleich zum Römischen Reich mit Rom als Mittelpunkt der Welt. Bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts war die alte, römische Einheit zerbrochen, und es hatte sich eine Reihe von Nachfolgereichen herausgebildet, unter denen das Oströmische, das Sarazenische und das Fränkische Reich als „Großmächte” an der Peripherie des ehemaligen römischen Großreiches herausragten.
| 2. | Religion |
Das Mittelalter war insbesondere durch die europaweit gemeinsame Religion des Christentums geprägt. Das Frühmittelalter ist die Zeit, in welcher der christliche Glaube allmählich und unter manchen Wandlungen und Anpassungen an veränderte Bedürfnisse zur „Staatsreligion” in allen Nachfolgereichen der Westhälfte des Römischen Reiches wurde. Der christliche Glaube war eine gelehrte Religion; über die richtige Interpretation des Gotteswortes stritten Philosophen und Theologen schon in Zeiten der Christenverfolgung derart, dass sie sich gegenseitig exkommunizierten. Eine solche Religion konnte von den an Naturgottheiten und Dämonen gewöhnten Germanen nicht verstanden werden, weil ihnen der philosophische Hintergrund für so diffizile theologische Probleme wie die Dreifaltigkeit und die zwei Naturen Jesu fehlte. Der Glaube musste dem Bildungsstand und den Bedürfnissen der Germanen angepasst werden, die für alle möglichen Notfälle einen Gott hatten, dem sie opferten. Die Götter wurden ersetzt durch die Heiligen, also von Gott begnadeten Nothelfern, die sich in dieser Funktion bis in die Gegenwart erhalten haben. Ebenso haben sich diverse heidnische Festriten gehalten. Für Jahrhunderte wurden Klöster Bewahrer antiken Schriftgutes und Kulturträger. In ihnen wurde die geistige und geistliche Elite ausgebildet, die schon frühzeitig Einfluss auf den König und den weltlichen Adel gewann. In den verschiedensten Bereichen, sei es nun Medizin, Ackerbau, Technik oder Schulwesen, wurden sie zu Vorreitern des Fortschritts.
| 3. | Königtum und Kirche |
Der Glaube und die Kirche, die sich allein berechtigt sah, diesen zu interpretieren, prägten nicht nur den Alltag, sondern auch das politische Geschehen. Eine für die gesamte Entwicklung der europäischen Geschichte bedeutsame Entscheidung traf König Chlodwig, der Gründer des fränkischen Großreiches, als er im Gegensatz zu den arianischen Herrschern der Langobarden und der Ost- und Westgoten den katholischen Glauben annahm. Dadurch knüpfte er die Verbindung zur noch immer vom byzantinischen Kaiser dominierten römischen Kirche. Das Papsttum, das in der Zeit der Machtlosigkeit des byzantinischen Kaisers in Italien bereits zu einer der führenden politischen Mächte aufgestiegen war, beanspruchte, da von Petrus gegründet, gegenüber allen anderen Kirchen den Vorrang. Es emanzipierte sich endgültig vom byzantinischen Kaiser, als Papst Zacharias 751 die Errichtung der karolingischen Monarchie durch Pippin III. legitimierte, dem sein Nachfolger zudem den Schutz der römischen Kirche übertrug. Dies war ebenfalls eine Weichenstellung von größter Bedeutung, die unmittelbar zur Kaiserkrönung Karls des Großen (800) führen sollte. Diese aber besiegelte letztlich die politische und geistige Trennung des lateinisch geprägten Abendlandes vom griechischen Osten. Hatten die zumeist dem hohen Adel angehörenden Bischöfe als Stadtherren und Berater schon zuvor eine wichtige politische Rolle gespielt, so entwickelten sie sich seit dem Bündnis zwischen Papsttum und fränkischem Königtum zur „staatstragenden” Macht im Fränkischen Reich und seinen Nachfolgestaaten.
| 4. | Sozialstruktur |
Die frühmittelalterliche Sozialstruktur ist geprägt von einer arbeitsteilig noch wenig differenzierten Agrargesellschaft, die weitgehend von der Naturalwirtschaft lebte. Dies führte zu Herrschaftsformen, die sich grundsätzlich von denen des antiken Römischen Reiches unterschieden. Die Herrschaft war in Personenverbänden organisiert, weshalb die Mediävistik die auf solchen Verbänden beruhenden Staatswesen als Personenverbandsstaat charakterisiert. Der kleinste Personenverband war die Familie, wobei es sich allerdings nicht um die aus Eltern und Kindern bestehende handelte, sondern um einen Grundherrn (siehe Grundherrschaft) und all diejenigen, die unter seiner Verfügungs- und Herrschaftsgewalt (Munt) standen; das waren neben Ehefrau und Kindern noch die ihm gehörenden Unfreien, die im Herrenhaus, in grundherrlichen Werkstätten oder auf den unmittelbar dazu gehörenden Feldern dienten, sowie diejenigen (vielfach Halbfreie), die in eigener Regie einen dem Grundherrn gehörigen Bauernhof bewirtschafteten und dafür Abgaben und Frondienste leisteten. Zur Hausgenossenschaft (lateinisch familia) gehörten auch die „Grundholden” entfernter Güter. Grundherrschaften des Königs, mächtiger Adeliger oder kirchlicher Institute erstreckten sich bisweilen sogar über die Reichsgrenzen hinaus. Öffentliche Gewalt und private Rechtsbefugnis wurden begrifflich nicht unterschieden, der Grundherr war auch Gerichtsherr für seine Grundholden.
Neben der Grundherrschaft entwickelte sich das Lehnswesen, bei dem der König, Adelige oder kirchliche Institute ein oder mehrere Lehen an einen lehensfähigen Freien verliehen, der dadurch zu ihrem Vasall mit bestimmten Verpflichtungen wurde, aber dennoch frei blieb. Lehnsherr und Vasall waren sich zu gegenseitiger Treue verpflichtet und bildeten ebenfalls einen Personenverband. Es entwickelte sich die so genannte Lehnspyramide, an deren Spitze der König stand, dessen Stellung zunächst durch die germanische Vorstellung vom Königsheil und seit Pippin III. durch das Ritual der christlichen Königssalbung eine charismatische Aufwertung erfuhr. Dem König waren nur seine unmittelbaren Lehnsleute, die Kronvasallen, zur Treue verpflichtet, die wiederum treuepflichtige Vasallen hatten etc., was eine indirekte Königsherrschaft zur Folge hatte. Diese sollte sich das ganze Mittelalter über als problembeladen erweisen. In der Zeit der Teilung des Karolingerreiches unter die zerstrittenen Erben Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) wurden die ursprünglich nur auf Lebenszeit ausgegebenen Lehen der Kronvasallen erblich, weil einige dieser Kronvasallen Lehnsmann mehrerer Könige waren und für ihre Loyalität Zugeständnisse verlangten. Auf dieser Basis entwickelte sich der Feudalstaat, der für das Mittelalter derart kennzeichnend war, dass marxistische Historiker des 19. Jahrhunderts den Begriff „Mittelalter” durch „Feudalzeitalter” ersetzen wollten, das weit in die Neuzeit hineinreicht.