Anglikanische Kirche
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Anglikanische Kirche
3. Volksbewegungen

Seit dem 17. Jahrhundert führten eine Reihe von Volksbewegungen zu einer beträchtlichen, sowohl geistigen wie auch kirchlichen Erweiterung der anglikanischen Kirche. Im 18. Jahrhundert verbreitete sich aufgrund des Wiederauflebens des Evangelismus eine neue Form der Frömmigkeit und führte zu neuen Bestrebungen in der Mission, der religiösen Erziehung sowie im Kampf gegen soziale Missstände. Führend in dieser Bewegung waren John Wesley und seine Anhänger, von denen sich viele von der anglikanischen Kirche abwandten und den Methodismus begründeten. Während des 19. Jahrhunderts löste eine Gruppe von Geistlichen an der Universität von Oxford eine Bewegung aus, die eine Rückbesinnung auf die katholischen Elemente der anglikanischen Kirche anstrebte, die der Reformation standgehalten hatten. Die Mitglieder der Low Church, die eine gewisse Verwandtschaft zwischen ihrer Frömmigkeit und Kirchenpraxis und jener der Protestanten sahen, befürchteten, dass diese Entwicklungen unter den Mitgliedern der High Church (jene, die sich zu einer strengeren Befolgung der Sakramente und zur katholischen Liturgie bekannten) eine Hinwendung zum Katholizismus zur Folge hätte. Das Aufkommen der Oxfordbewegung bestätigte diese Befürchtungen und führte zu einem Wandel im Bild der anglikanischen Kirche. Ihre Vertreter legten erneuten Wert auf die Würde und Schönheit der religiösen Observanzen sowie auf die zentrale Stellung des Gottesdienstes. Darüber hinaus betonte die Bewegung das theologische Interesse der Kirche an dem alten katholischen und apostolischen Charakter des geistlichen Amtes, ferner an den Sakramenten, an ihren seelsorgerischen Idealen sowie an der Bedeutung ihrer fundamentalen Glaubensbekenntnisse. Die Tatsache, dass sich sowohl die evangelischen Bestrebungen der Low Church wie auch die Oxfordbewegung der High Church innerhalb der anglikanischen Kirche entwickeln konnten, wie auch die Tatsache, dass Low-Church- und High-Church-Tendenzen über die Jahre hinweg nebeneinander bestanden, zeigt die Vielseitigkeit und Flexibilität der religiösen Tradition in England. Im 19. Jahrhundert kam es zeitweilig zu einer Bewegung, die sich Broad Church nannte, und der sich jene Anglikaner anschlossen, die einen mittleren Standpunkt zwischen der Low Church und der High Church vertraten. Zwar führte ein derartiges Nebeneinander so unterschiedlicher Tendenzen innerhalb der englischen Kirche häufig zu Kontroversen und Spannungen, viele Anglikaner sind jedoch der Meinung, dass die Fähigkeit der Kirche, diese verschiedenartigen Standpunkte in sich zu vereinen, erst ihre wahre Größe beweise.

Die Gründung der unabhängigen Protestant Episcopal Church in den Vereinigten Staaten geht auf die Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zurück, als die Mitglieder der anglikanischen Kirche aus den ehemaligen Kolonien der englischen Mutterkirche ihre Loyalität verweigerten. Es folgten weitere Kirchengründungen, die sich um die Kirche von England gruppierten und die Anglikanische Kirchengemeinschaft bildeten. Einzelne unabhängige Kirchen gibt es zusätzlich zu den Kirchen von England, Irland, Wales und der Episkopalkirche von Schottland auch in Kanada, den Vereinigten Staaten, Australien, Neuseeland, Westafrika, Zentralafrika, der Republik Südafrika, Indien, China, Japan und Westindien. Diese Kirchen wie auch ihre zahlreichen Missionen sind in fast allen Teilen der Welt vertreten. Auf der Grundlage gemeinsamer Glaubenslehren und -formen sind sie in einer großen Kirchengemeinschaft vereint.

Eines der meist diskutierten Themen in der zeitgenössischen anglikanischen Kirche war die Priesterweihe der Frau. Obwohl es in der amerikanischen Episkopalkirche bereits weibliche Priester gegeben hat, widersetzen sich immer noch etwa ein Zehntel aller Geistlichen sowie weltlichen Gläubigen, die Priesterweihe der Frau zu institutionalisieren. 1975 wurde von der Generalversammlung der anglikanischen Kirche (General Synod of the Church of England) zum ersten Mal einem Antrag stattgegeben, in dem festgehalten wurde, dass „es gegen die Priesterweihe von Frauen keine grundsätzlichen Einwendungen gibt”. Die ersten weiblichen Diakone wurden 1987 ordiniert. 1992 genehmigte die Generalversammlung schließlich die volle Ordination von Frauen. Die parlamentarische Genehmigung wurde im darauf folgenden Jahr erteilt, und am 12. März 1994 erfolgte dann die Ordination der ersten 22 Priesterinnen der anglikanischen Kirche. Allerdings verließen einige der Priester die anglikanische Kirche, vorwiegend diejenigen, welche die Anschauungen der High Church vertraten und diese Entscheidung nicht anerkennen konnten, und traten zur katholischen Kirche über. Auch wurde auf Provinzebene ein System eingeführt, aufgrund dessen jene Kirchengemeinden, die keine Priesterinnen akzeptierten, von Gastbischöfen betreut werden konnten.