Willy Brandt
Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken.
Willy Brandt
2. Exil und politischer Aufstieg im Nachkriegsdeutschland

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 emigrierte er nach Norwegen und nahm aus Sicherheitsgründen den Decknamen Willy Brandt an (die formelle Namensänderung erfolgte 1949). In Oslo leitete er die Außenstellen der SAP und des Sozialistischen Jugendverbandes Deutschland und arbeitete daneben als Journalist. 1936 hielt sich Brandt unter falschem Namen, vorgeblich als norwegischer Student, einige Monate lang in Berlin auf, wo er die SAP-Untergrundorganisation „Metro” leitete. Im folgenden Jahr entsandte ihn die SAP nach Barcelona, um dort einen sozialistischen Jugendkongress zu organisieren und über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Im September 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, woraufhin er die norwegische Staatsbürgerschaft beantragte, die ihm im August 1940 erteilt wurde. Nach dem deutschen Einmarsch in Norwegen im April 1940 floh Brandt nach Schweden; von Stockholm aus leitete er ab 1942 das schwedisch-norwegische Pressebüro. Während seines Exils in Schweden trat er wieder der SPD bei.

Nach Kriegsende kehrte Brandt im Oktober 1945 als Berichterstatter für die skandinavische Arbeiterpresse beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess nach Deutschland zurück (über den Prozess veröffentlichte er 1946 in Oslo das Buch Forbrytere og andre tyskere, „Verbrecher und andere Deutsche”). Unmittelbar nach seiner Rückkehr nahm er Kontakt zur Führungsspitze der wieder gegründeten SPD um Kurt Schumacher auf. Ab Januar 1947 war Brandt für ein Jahr als Presseattaché der norwegischen Vertretung beim Alliierten Kontrollrat in Berlin tätig. Im Juli 1948 wurde Brandt wieder deutscher Staatsbürger.

Zum 1. Januar 1948 trat Brandt seine neue Funktion als „Beauftragter des SPD-Parteivorstandes in Berlin und bei den alliierten Kontrollbehörden” an – gegen anfänglichen Widerstand des SPD-Vorsitzenden Schumacher. In dieser Funktion arbeitete er eng mit dem (West-)Berliner Bürgermeister Ernst Reuter zusammen, mit dem ihn auch eine gemeinsame Linie gegen Schumachers deutschlandpolitischen Kurs verband: Angesichts des in Berlin besonders deutlich spürbaren Drucks seitens der Sowjetunion sprachen sich Brandt und Reuter im Interesse der Sicherheit und Freiheit Westdeutschlands und Berlins für eine Anbindung an den Westen aus, während Schumacher den Adenauer’schen Kurs der Westintegration strikt ablehnte.

Ende 1949 legte Brandt sein Amt als Vertreter des SPD-Vorstandes nieder und ließ sich in den Deutschen Bundestag entsenden, dem er als einer der Vertreter Berlins bis 1957 angehörte. Von 1950 bis 1969 gehörte er zudem dem Berliner Abgeordnetenhaus an, von 1955 bis 1957 als dessen Präsident. In den fünfziger Jahren profilierte sich Brandt mit von der allgemeinen Parteilinie abweichenden Standpunkten: so etwa in der Frage der Westintegration, mit seiner Bereitschaft zu Koalitionen mit den bürgerlichen Parteien, wie sie in Berlin an der Tagesordnung waren, und vor allem auch mit seiner Forderung nach innerparteilichen Reformen wie etwa der Transformation der SPD von einer Arbeiter- in eine Volkspartei.