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| 1. | Einleitung |
Griechische Literatur, altgriechische und neugriechische Literatur, die in Griechenland und in griechischer Sprache verfasste Literatur vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart. Sie ist eine der ältesten Nationalliteraturen der Welt. Mit ihrem Bemühen um Vollendung der Form wirkte sie gattungsbildend im Bereich von Epik, Lyrik und Dramatik und übte damit prägenden Einfluss auf die gesamte europäische Literatur aus.
| 2. | Frühzeit (2. Jahrtausend bis 6. Jahrhundert v. Chr.) |
Nach den ersten Einwanderungswellen griechischer Siedler im 2. Jahrtausend v. Chr. begannen sich aus der Vielfalt örtlicher Dialekte zwei Stammes- und Dialektgruppen auszugliedern, die ionisch-attische und die äolische (zu den griechischen Dialekten vergleiche den Artikel griechische Sprache).
| 1. | Versepos |
Die ersten Bewohner Griechenlands, die Menschen der ägäischen und minoisch-mykenischen Kulturen, verfügten bereits über eine reiche mündliche Literaturtradition, von der sich jedoch keine Zeugnisse erhalten haben. Sie bestand vor allem aus Arbeitsliedern und Götterhymnen sowie erzählenden Dichtungen über Götter und Helden und wurde von den im 2. Jahrtausend v. Chr. von Norden aus einwandernden Hellenen übernommen, die daraus die Stoffe für ihre Heldenepen schöpften. Siehe auch griechische Mythologie
Mit seinen ältesten überlieferten Werken, der Ilias und Odyssee Homers, die wohl im 8. Jahrhundert v. Chr. im aristokratischen Umfeld entstanden, erreichte das griechische Versepos bereits einen hohen künstlerischen Rang. Die beiden homerischen Epen wurden in breit erzählenden daktylischen Hexametern (siehe Verslehre) im ionischen Dialekt verfasst, enthalten jedoch auch Elemente des äolischen Dialekts. Die Vollkommenheit des Versmaßes deutet darauf hin, dass diese Dichtungen eher den Höhepunkt als den Anfang einer literarischen Tradition markieren. Sie wurden von professionellen Sängern (Rhapsoden) vorgetragen, die über Generationen hinweg die übernommenen Stoffe frei variierten, und blieben über vier Jahrhunderte fester Bestandteil der mündlichen Tradition.
Weitere Epen, die Randthemen der homerischen Epen behandeln, sind zum Teil in Fragmenten erhalten. Eine Gruppe solcher Epen, die zwischen 800 und 550 v. Chr. von unbekannten Dichtern verfasst wurden und die man später zum so genannten Epischen Kyklos (Kreis) zusammenfasste, behandelt den Trojanischen Krieg und den Krieg der Sieben gegen Theben. Zu den bekannten Epikern aus späterer Zeit gehören Peisander von Kameiros (6. Jahrhundert v. Chr.), Verfasser einer Herakleia, eines Heldenepos, das die Taten des mythologischen Helden Herakles schildert, Panyassis von Halikarnassos (5. Jahrhundert v. Chr.), ebenfalls Autor einer nur noch in Fragmenten erhaltenen Herakleia, und Antimachos von Kolophon (4. Jahrhundert v. Chr.), Autor des Epos Thebais und vermutlich erster Vertreter des später im Hellenismus geläufigen Typs des poeta doctus (also des gelehrten Dichters), der großen Einfluss auf die alexandrinischen Ependichter ausübte.
Eine Reihe von Werken, die früher Homer zugeschrieben wurden, rechnet man inzwischen späteren Autoren zu. Zu den ältesten gehören vermutlich die so genannten Homerischen Hymnen aus dem 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr., eine Sammlung von vier längeren und 29 kürzeren in daktylischen Hexametern verfassten Hymnen an verschiedene Götter, die den Rhapsoden als Proömien zu ihren Rezitationen dienten (Proömien waren kleinere, vor Epen von den Sängern vorgetragene Rhapsoden). Daneben finden sich Texte wie Batrachomyomachia (Froschmäusekrieg), ein Kleinepos, das das große Heldenepos im homerischen Stil parodiert.
Im Gegensatz zu Homer steht Hesiod, der mit seinem Hauptwerk Erga kai hemerai (Werke und Tage), das wie die homerischen Epen im ionischen Dialekt geschrieben und von Elementen des äolischen Dialekts durchsetzt ist, als erster griechischer Epiker den mythologischen Bereich verlässt und ein Thema aus dem Alltagsleben behandelt, ein Lehrgedicht, das den Wert ehrlicher Arbeit anhand der Erfahrungen und Gedanken eines böotischen Bauern rühmt. Die Theogonia (Götterabstammung) erzählt vom Entstehen der Welt aus dem Chaos und der Geburt der Götter.
| 2. | Lyrik |
Lyrik (griechisch lyrikós, abgeleitet von Lyra) bezeichnete ursprünglich allgemein die zur Begleitung eines Saiteninstruments vorgetragene Kunstdichtung, die sich in zwei Hauptformen untergliederte, die monodische und die Chorlyrik.
Die so genannte monodische Lyrik, die von einem einzelnen Sänger vorgetragene Lyrik, entstand auf der Insel Lesbos. Der Dichter und Musiker Terpander, der auf der Insel geboren wurde, einen Großteil seines Lebens jedoch in Sparta verbrachte, gilt als erster griechischer Dichter, der Dichtung mit Musik verband. Die meisten seiner Gedichte waren Nomoi, ein hymnischer Melodientyp der altgriechischen Musik, der anfangs nur instrumental, später mit Text unterlegt vorgetragen wurde, oder liturgische Hymnen, die zu Ehren eines Gottes, vor allem Apollons, geschrieben und von einem einzelnen, von einer Lyra, also einer Leier, begleiteten Sänger vorgetragen wurden.
Auf Terpander folgten später im 7. Jahrhundert v. Chr. die großen Dichter von Lesbos, die ihre Werke im äolischen Dialekt verfassten. Alkaios behandelte in seiner Lyrik politische, religiöse und Themen aus dem persönlichen Erleben und entwickelte die Form der alkaischen Strophe. Sappho, die größte Dichterin der griechischen Antike, prägte die nach ihr benannte sapphische Strophe, verwendete aber auch andere lyrische Formen. Ihre aus subjektivem Erleben schöpfenden Gedichte über Liebe und Freundschaft zählen zu den differenziertesten und leidenschaftlichsten der antiken griechischen Literatur.
Das Distichon (griechisch: Zweizeiler), ein aus einem daktylischen Hexameter mit darauf folgendem Pentameter gebildetes Verspaar, begann sich während des 7. Jahrhunderts v. Chr. als metrische Form der antiken Elegie (daher auch: elegisches Distichon) und später des Epigramms durchzusetzen. Der erste bekannte griechische Lyriker war Kallinos aus Ephesos, der Elegien mit politischen Themen verfasste, weitere bedeutende Dichter der Frühzeit waren Tyrtaios von Sparta, Mimnermos aus Kolophon, Archilochos von Paros, der aus Athen stammende Dichter und Staatsmann Solon, der die attische Demokratie begründete, und Theognis von Megara.
Archilochos, der erste historisch belegte Dichter Griechenlands, der zudem als wichtigster Antipode des griechischen Nationalepikers galt, indem er sich gegen dessen aristokratischen Heroenkult wandte, wird die Einführung des Jambus zugeschrieben. In einer Form des Schimpf- oder Spottgedichts auf seine Gegner verwendete er das jambische Versmaß. Mit seinen Spottversen übte er großen Einfluss auf Catull und Horaz aus. Solon und andere Dichter gebrauchten jambische Verse auch für reflektierende Lyrik. Da der Jambus dem Rhythmus der griechischen Sprache des Altertums mehr als jedes andere Versmaß entspricht, wurde er in Form des jambischen Trimeters auch in den Dialogen der Tragödien verwendet. Auch die Fabeln des Äsop waren ursprünglich in jambischen Trimetern verfasst, die überlieferten Texte stammen jedoch aus jüngerer Zeit.
Die verspielten Trink- und Liebeslieder des Dichters Anakreon aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. sind in verschiedenen Versmaßen gehalten. Anakreon verfasste u. a. elegische Distichen, Epigramme und Gedichte in jambischen Versen und beeinflusste besonders die hellenistische Dichtung (Anakreonteen), an die später die Anakreontiker in Frankreich und Deutschland anknüpften. Bei seinem nur fragmentarisch erhaltenen Werk handelt es sich meist um spielerische, elegante Lieder, in denen er die Liebe und den Wein besingt. Sie zeichnen sich vor allem durch ihre schlichte, klare Sprache aus.
Die so genannte Chorlyrik wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von Dichtern begründet, die im dorischen Dialekt schrieben, der vor allem in der Umgebung von Sparta beheimatet war und später auch in anderen Teilen Griechenlands für Chorgesänge verwendet wurde. Die Dichter aus Sparta verfassten ihre Chorlieder zunächst für Gesänge und Tänze anlässlich kultischer Feiern, etwa im Rahmen des Dionysos-Kults. Später schrieben sie Chorgesänge auch für profane Gelegenheiten, beispielsweise um einen Sieg bei den Olympischen Spielen zu feiern.
Einer der bekanntesten Dichter von Chorliedern war Thaletas. Der Überlieferung nach kam er von Kreta nach Sparta, um mit Hilfe seiner Päane (Chorhymnen) das Ende einer Epidemie von Apoll zu erflehen. Ihm folgten Terpander, der monodische Lieder und Chorgesänge schrieb, Alkman und Arion. Ein Großteil der Dichtung Alkmans bestand aus Partheneien, Chorgesängen, die anlässlich von Prozessionen von Mädchenchören vorgetragen wurden und im Ton leichter als die Päane waren. Arion hat vermutlich den Dithyrambus, das ekstatische Chorlied im Dionysoskult, zur chorlyrischen Kunstform ausgestaltet, aus der sich später die Tragödie entwickelte.
Weitere bedeutende Dichter von Chorgesängen waren der sizilianische Dichter Stesichoros, ein Zeitgenosse von Alkaios, der die triadische Form des Chorliedes einführte, sowie Ibykos aus Rhegion, von dessen Werk nur Fragmente erhalten sind. Simonides von Keos verfasste neben den Epinikien (Siegesgesänge) zu Ehren der Sieger der Olympischen Spiele auch Enkomien (Preis- und Loblieder), Klagelieder und Epigramme. Er schrieb seine Werke für viele hochrangige Persönlichkeiten. Nur noch wenige sind erhalten. Bacchylides von Keos, ein Neffe des Simonides, schrieb sowohl Epinikien als auch Dithyramben.
Mit den Werken Pindars erreichte der Chorgesang Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. einen Höhepunkt. Rund ein Viertel seines Werkes, das Chorgesänge verschiedenster Art, wie Päane, Dithyramben und Epinikien umfasst, ist überliefert, vor allem Epinikien in der von Stesichoros begründeten Form. Des Weiteren verfasste Pindar Hymnen zu Ehren der Götter, Tanzlieder, Grabgesänge und Loblieder, von denen jedoch nur noch Teile erhalten sind. Unter seinen noch fast vollständig erhaltenen Werken, die vermutlich etwa ein Viertel seines Gesamtwerks darstellen, befinden sich als Epinikien 44 Oden, die er zu Ehren der Sieger der vier nationalen Hauptfeste in Olympien, Pythien, Isthmien und Nemeen schrieb. Sie zeigen einen komplexen Aufbau, edle moralische Gesinnung und das der griechischen Chorlyrik eigene tiefe religiöse Gefühl. Pindars Lobeshymnen auf die Sieger der Festspiele enthalten als Kernstück stets einen Mythos, der entweder die Stimmung des Ereignisses ausdrückt oder den siegreichen Helden mit der mythologischen Vergangenheit verbindet. Seine Oden schließen zahlreiche moralische und religiöse Betrachtungen sowie die Verkündigung der Unsterblichkeit der Seele ein. Auf Pindar geht die Bezeichnung Pindarische Ode zurück, eine Odenform, die aus zwei gleich gebauten und einer metrisch abweichenden dritten Strophe (Epode) besteht.
| 3. | Weitere Formen |
Im 6. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich mit dem philosophischen Gedicht ein weiteres Genre, das dem Epos nahe stand und von griechischen Philosophen wie Empedokles, Xenophanes und Parmenides geschrieben wurde. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. entstand ein Teil der ältesten überlieferten griechischen Prosa, darunter medizinische Texte, die dem Arzt Hippokrates zugeschrieben werden.
| 3. | Attische Zeit (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) |
Im Verlauf des 6. Jahrhunderts hatte sich in Athen das Drama entwickelt. In seiner frühesten Form bestand es aus einem Männerchor, der Chorlieder zum Vortrag brachte. Später kam ein Sprecher hinzu, der Erläuterungen zum Vorgetragenen gab und mit dem Chor in einen Dialog trat. Das Drama entwickelte sich aus dem kultischen Fest um den griechischen Gott Dionysos, der durch ein ekstatisches Chorlied, den Dithyrambus, gefeiert wurde: Als man den Chor mit Schauspielern in Dialog treten ließ und epische Heldenstoffe mit aufnahm, entstand die antike Tragödie. Sie wurde zunächst im Rahmen der jährlichen Dionysien aufgeführt. Später emanzipierte sich das Schauspiel vom Chor.
| 1. | Tragödie |
Die Gattung der Tragödie, wie wir sie heute kennen, wurde vermutlich im 6. Jahrhundert v. Chr. von dem Athener Dichter Aischylos begründet, der einen zweiten, vom Chor unabhängigen Schauspieler einführte. Von seinen rund 90 Tragödien haben sich nur sieben erhalten, darunter Der gefesselte Prometheus, die Geschichte der Bestrafung des Titanen Prometheus durch Zeus, und die Orestie, eine Trilogie, die die Ermordung des griechischen Helden Agamemnon durch seine Frau Klytämnestra, deren Ermordung durch ihren Sohn Orestes und das weitere Schicksal des Orestes behandelt. Ebenso befasste er sich intensiv mit der Inszenierung seiner Stücke und führte erstmals Elemente wie Kostüme und Bühnenbild ein. Die Themen seines Werkes – Mythos, Religion und menschliche Leidenschaften – sind tiefgründig und werden in stark poetischer Sprache umgesetzt.
Der zweite der großen griechischen Tragödiendichter war Sophokles. Die wichtigste Neuerung, die er vornahm, bestand in der Einführung eines dritten Schauspielers, wodurch eine vom Chor unabhängige komplexere dramatische Handlung möglich wurde. Damit trat das Einzelschicksal stärker als bisher in den Vordergrund. Zudem gab Sophokles die bis dahin übliche Form der Tragödientrilogie zugunsten der in sich geschlossenen Einzeltragödie auf. Von seinen über 100 Werken sind nur sieben Tragödien, ein Satyrspiel (heiteres Nachspiel der Tragödientrilogie und Abschluss der Tetralogie) und über 1 000 Einzelfragmente erhalten. Sophokles wird heute vielfach als der wichtigste griechische Tragiker betrachtet, dessen Werke im Ausdruck die Mitte zwischen dem Pathos des Aischylos und den rhetorisch ausgefeilten Werken des Euripides bilden. Er erhöhte die Zahl der Choreuten von 12 auf 15. Sophokles bewirkte auch insofern eine Wandlung der griechischen Tragödie, als er neben Religion und Moral als zentralen Inhalten auch das Handeln individueller Charaktere, deren Schicksal und Not in den Vordergrund treten ließ.
Euripides war der jüngste der drei großen attischen Tragödiendichter. Er schrieb rund 92 Stücke, von denen 18 Tragödien und das Satyrspiel Kyklop überliefert sind. Trotz Gebundenheit an den Mythos zeichnen sie sich durch eine lebensechte Charakterzeichnung der handelnden Personen aus, die ihr Schicksal entsprechend ihrem eigenen Charakter eigenverantwortlich gestalten. Zu seinen Hauptwerken zählen Medea, das von der Rache der betrogenen Medea an ihrem Gemahl Jason erzählt, und Hippolytos, das die Liebe Phaedras zu ihrem Stiefsohn Hippolytos und dessen weiteres Schicksal behandelt. Bei der Umsetzung seiner skeptizistischen Geisteshaltung schwankt Euripides zwischen den Extremen. So werden häufig in ein und demselben Stück einerseits menschliche Schwächen realistisch dargestellt und bitter kommentiert, andererseits zeigen sie häufig Beispiele besonderer moralischer Qualitäten wie Heldentum, Würde oder Leidenschaft. Er stellte auch besonders die bis dahin wenig beachteten Frauenrollen in den Vordergrund und porträtierte Frauen als verbrecherische oder tugendhafte Heldinnen.
| 2. | Komödie |
Die griechische Komödie entwickelte sich aus Frühformen der volkstümlichen Belustigung. Die Komödienform ging aus dem fröhlich-ausgelassenen Maskenumzug anlässlich der Dionysosfeier (komos) hervor. Die erste bezeugte Komödie wurde 486 v. Chr. in Athen aufgeführt. Der bedeutendste Repräsentant der so genannten Alten attischen Komödie (bis etwa 400 v. Chr.), die mit Spott, Satire und Kritik direkt auf die politischen, kulturellen und sozialen Auseinandersetzungen der Zeit Bezug nahm, war Aristophanes. Von seinen 40 Stücken haben sich elf vollständig erhalten. Batrachoi (Die Frösche) beschreiben einen Dichterwettstreit zwischen den Tragödiendichtern Euripides und Aischylos, in dem Euripides unterliegt, in Nephelai (Die Wolken) wird der Philosoph Sokrates der Lächerlichkeit preisgegeben und erscheint selbst als jener Sophist, den er in den sokratischen Dialogen Platons immer zu bekämpfen vorgab.
Aus der umfangreichen Produktion der so genannten Mittleren Komödie (etwa 400 bis 330 v. Chr.), deren eher unpolitische Stoffe den Niedergang der attischen Demokratie spiegeln, haben sich nur wenige Zeugnisse erhalten. Mit zwei Spätwerken des Aristophanes, Ekklesiazusai und Plutos, beide im Zeitraum zwischen 392 und 388 v. Chr. verfasst, vollzieht sich der Übergang in diese Phase. Die wichtigsten Vertreter der Mittleren Komödie waren Antiphanes von Athen und Alexis von Thruil, deren Werk jedoch nur fragmentarisch überliefert ist.
Die Neue Komödie (etwa 330 bis 250 v. Chr.), in der der Chor völlig in den Hintergrund tritt, schöpft ihre Themen hauptsächlich aus dem bürgerlichen Leben und stellt menschliche Unzulänglichkeiten und Schwächen, dargestellt anhand meisterhaft gezeichneter Charaktere, in den Mittelpunkt. Ihr wichtigster Vertreter war Menander, dessen Komödien besonders die römischen Komödiendichter Plautus und Terenz beeinflussten. Von seinen über 100 Stücken hat sich nur ein einziges, Dyskolos (Der Unfreundliche), vollständig erhalten, von anderen sind Fragmente überliefert. Menanders Komödien sind häufig ähnlich gebaut und schildern Liebesverwicklungen und die sich daraus ergebenden Intrigen. Sie geben Einblick in die menschlichen Schwächen und Komplikationen des täglichen Lebens und hatten beträchtlichen Einfluss auf spätere Dramatiker wie z. B. Molière und Carlo Goldoni.
| 3. | Geschichtsschreibung |
Herodot wurde bereits von Cicero als „Vater” der antiken Geschichtsschreibung gewürdigt. In seinem im ionischen Dialekt verfassten Hauptwerk Histories Apodeixis (Darlegung der Geschichte), dem ältesten Geschichtswerk in griechischer Sprache, schildert er ein Thema der Zeitgeschichte, nämlich die Ursachen und Hintergründe der Perserkriege. Sowohl antike als auch moderne Kritiker haben Herodots formale Stärke und seinen offenen, klaren und erfrischend anekdotenhaften Stil gelobt, ebenso seine reichen Kenntnisse, die zum Großteil auf eigener Anschauung beruhten. Mit seinem Ansatz, moralische Lehren aus dem Studium großer Ereignisse zu ziehen, wirkte er sehr stark auf die spätere griechische und römische Geschichtsschreibung. Trotz weitgehend referierender Darstellung zeigte Herodot bereits Ansätze einer Wahrheitssuche, indem er sich bemühte, die Ereignisse in einen Kausalzusammenhang zu bringen, glaubte jedoch noch an das Walten von Zufall und Schicksal, die das menschliche Leben unberechenbar machen, betonte aber auch die freie moralische Entscheidungsmöglichkeit. Erst Thukydides wurde mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges zum Begründer einer kritisch-pragmatischen Geschichtsschreibung. Dabei konnte er sich für seine Darstellung aus einem reichen Schatz an praktischen Erfahrungen im Bereich von Politik und Heereskunde bedienen. Er stützte sich auf eigene Beobachtungen ebenso wie auf die Aussagen von Personen, die die jeweiligen Ereignisse miterlebt hatten, und stellt seine Auswahlkriterien und Forschungsmethoden in einer methodischen Einleitung ausführlich vor. Darin beschreibt er u. a. den Umgang mit widersprüchlichen Augenzeugenberichten, die er mit großer Sorgfalt gegeneinander abwog. Seine chronologische Schilderung der Ereignisse, die in einem straffen, präzisen Stil gehalten ist, wird immer wieder von Exkursen, Reflexionen oder stilisierten Reden unterbrochen, die er historischen Persönlichkeiten zur näheren Charakterisierung in den Mund legt (z. B. die Leichenrede des Perikles). Sie dienen ihm als Rahmen für die Analyse der öffentlichen Meinung und drängender Fragen der Zeit. An diesen Stellen verdichtet sich sein Stil, wird antithetisch, abstrakt und zuweilen schwer verständlich. Viele seiner Aussagen werden von zeitgenössischen Schriften, aber auch von neueren Forschungen bestätigt. Xenophon, der selbst an einem Feldzug des jüngeren Kyros teilgenommen hatte, stellte diesen in seinem Werk Kyrou Anabasis (Der Hinaufmarsch des Kyros) dar, in dem er den Rückzug der griechischen Söldner aus Persien beschrieb. Seine Hellenika (Griechische Geschichte), eine aus spartafreundlicher Perspektive verfasste Darstellung der griechischen Geschichte unter besonderer Berücksichtigung bedeutender Persönlichkeiten, bilden die inhaltliche Fortsetzung der von Thukydides begonnenen Geschichte des Peloponnesischen Krieges. In seinen inhaltsreichen Werken erwies sich Xenophon zudem trotz ihrer manchmal starken prospartanischen Einfärbung und einer zu geringen Distanz gegenüber dem Gegenstand als Meister der klaren Ausführung, der es verstand, in einem einfachen und gefälligen Stil zu schreiben. Dies erklärt seine anhaltende Verbreitung die ganze Antike hindurch, die ihn als einen der wichtigsten Vertreter des schlichten attischen Stiles hoch schätzte, und seine anhaltende Beliebtheit als viel gelesener Schulautor. Timaios, ein Historiker aus dem 4. bis 3. Jahrhundert v. Chr., verfasste eine Geschichte von Sizilien und ein chronographisches Werk über die Olympioniken. Auf ihn geht auch die Zeitrechnung nach Olympiaden zurück.
| 4. | Rhetorik |
Die attische Prosa erreichte besonders in den Werken der Rhetorik ihre höchste Ausdrucksform. Der älteste Redner, dessen Werk überliefert ist, war der Rhetoriklehrer Antiphon. Lysias, der ebenfalls als Rhetoriklehrer und Logograph tätig war, wurde mit seiner einfachen, direkten Sprache bar aller rhetorischen Schnörkel zum Begründer des attizistischen Redestiles. Er verfasste vermutlich auch eine Rede für den Prozess des Sokrates (399 v. Chr.). Bekannt war er für seine außergewöhnliche Fähigkeit, das Wesen des jeweiligen Redners zu erfassen und in seinen Reden umzusetzen. Die Musterreden des Isokrates, der der Rhetorik den Anspruch auf umfassende Bildung einräumte, sind Werke, die mehr für den Unterricht als für den Vortrag konzipiert waren. Von ihm sind 21 Reden und neun Briefe erhalten. Sein Stil zeichnet sich durch einen fließenden Rhythmus, komplexe Satzstrukturen und die häufige Verwendung der Antithese aus (siehe rhetorische Figuren). Doch erst mit Demosthenes, der bereits in der Antike zum idealen Redner avancierte, erreichte die attische Rhetorik ihre höchste Vollendung. Seine vielfältigen und ausgefeilten Reden erhielten Vorbildcharakter für eine Vielzahl späterer Redner. Nicht zuletzt Cicero berief sich immer wieder auf Demosthenes als wichtigsten Redner Athens, der seinen eigenen Stil maßgeblich geprägt habe.
| 5. | Philosophie |
Die wichtigsten Philosophen der attischen Zeit, die ein umfangreiches schriftliches Werk hinterließen, waren Platon und Aristoteles. Platon führte die Philosophie seines Lehrers Sokrates fort und begründete anhand philosophischer Lehrgespräche die Ideenlehre als Kernstück seiner Philosophie (siehe abendländische Philosophie). Seine Dialoge sind nicht nur bedeutende philosophische Werke, sondern sind gleichzeitig literarische Meisterwerke von hohem Rang, in denen er die Kunst sprachlicher Dialektik zur Meisterschaft brachte. Aristoteles, ein Schüler Platons, verfasste zahlreiche Schriften zur Logik, Metaphysik, Ethik, Rhetorik und Politik. Von seinen literaturkritischen Abhandlungen sind nur die Abschnitte über die Tragödie, die epische Dichtung und die Rhetorik erhalten.
| 4. | Hellenistische Zeit (323-146 v. Chr.) |
Im Zuge der Eroberungen Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. verbreitete sich der griechische Kultureinfluss im ganzen Orient, auf der anderen Seite fanden Elemente östlicher Kulturen Eingang in den griechischen Kulturraum. Das bedeutendste der zahlreichen Kulturzentren, die außerhalb Griechenlands entstanden, mit der größten Bibliothek des Altertums war die ägyptische Stadt Alexandria (siehe Alexandrinische Bibliothek).
| 1. | Lyrik |
Zu den bedeutendsten Dichtern und Gelehrten der hellenistischen Zeit gehörte Kallimachos, Lehrer in Alexandria und Leiter der dortigen Bibliothek. Von seinem umfangreichen poetischen Werk blieben nur Teile erhalten, darunter sechs Hymnen, 64 Epigramme und mehrere Elegien. Kallimachos, der sich bewusst vom großen heroischen Epos abwandte, begründete die Form des Epyllion, eines Kleinepos, das er zu hoher Meisterschaft entwickelte. Seine Dichtung, die starke Züge einer verfeinerten Hofpoesie trägt, beeinflusste besonders Catull und die römischen Neoteriker. Insgesamt verfasste Kallimachos angeblich über 800 Bücher. Eines seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Werke trägt den Titel Pinakes und ist ein vollständiger Katalog des Bestands der Alexandrinischen Bibliothek. Er schuf damit eine Grundlage für die griechische Literaturgeschichte. Von seinem dichterischen Werk sind sechs Götterhymnen und etwa 60 Epigramme erhalten, ebenso Fragmente seines Hauptwerkes Aitia, einer Sammlung griechischer Sagen in Form elegischer Verse, und das Epyllion Hekale.
Der sizilianische Dichter Theokrit, der einen Großteil seines Werkes in Alexandria verfasste und zu den bedeutendsten alexandrinischen Dichtern zählt, begründete mit dem Werk Eidyllia (griechisch: Idyllen) die Gattung der bukolischen Poesie (siehe Schäferdichtung). Diese Gedichte, die das einfache Leben der Bauern und Hirten idealisierend darstellen, fanden zahlreiche Nachahmer, darunter auch Bion aus Smyrna, der neben bukolischer Dichtung einen Epitaphios (Grabgesang) um Adonis schrieb, und der sizilianische Grammatiker Moschos, Verfasser des Epyllions Europe und anmutiger Hirtengedichte. Theokrit beeinflusste auch den römischen Dichter Vergil, der mit seinen Eclogae (= Eklogen) die bukolische Dichtung ins Lateinische einführte. Seine Wirkung manifestierte sich auch in den Schriften europäischer Dichter späterer Epochen, insbesondere in der Hirtendichtung des Barock und des Rokoko. Bions Totenklage auf Adonis diente als Vorbild für Adonais, einem Klagelied des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley aus dem 19. Jahrhundert.
| 2. | Prosa |
Die wichtigsten Prosaschriften der hellenistischen Zeit bestehen in Gelehrtenprosa, die von bedeutenden Wissenschaftlern und Gelehrten der Zeit verfasst wurde, darunter der Arzt Herophilos, der Anatom Erasistratos, die Astronomen Hipparchos von Nicäa, Ptolemäus und Aristarchos von Samos sowie der Mathematiker, Astronom und Geograph Eratosthenes, der u. a. den Umfang der Erde berechnete.
| 5. | Griechisch-römische Zeit (2. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) |
Nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer im Jahr 146 v. Chr. verfasste der griechische Historiker Polybios eine 40 Bücher umfassende Universalgeschichte über die Zeit zwischen 264 und 144 v. Chr., die u. a. auch die Schilderung dieser Eroberung enthält. Unter der Fragestellung, wie und warum die zivilisierten Nationen der Welt unter die Herrschaft Roms fielen, leitet er dessen weltgeschichtliche Mission ab, den Mittelmeerraum zu befrieden. Obgleich nur die ersten fünf Bücher vollständig erhalten sind, ist auch der Inhalt der übrigen, nur fragmentarisch überlieferten Teile des Werkes bekannt. Bei seiner Darstellung war Polybios besonders um historische Wahrheit bemüht, indem er nicht nur Ereignisse referierte, sondern auch die Hintergründe zu durchleuchten und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen versuchte. Ein Jahrhundert nach Polybios stellte der Geograph Strabo seine Geographika zusammen, eine systematische Darstellung der Geographie Europas, Asiens und Afrikas, die auch politische, soziale und geistesgeschichtliche Aspekte miteinbezieht und dadurch die Schriften des Polybios zu ergänzen suchte.
Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasste Plutarch seine berühmten Bioi paralleloi, Parallelbiographien, in denen er jeweils einen berühmten Griechen einem namhaften Römer gegenüberstellte. Seine didaktischen Essays und Dialoge, die unter dem Titel Moralia zusammengefasst sind, bestehen aus naturwissenschaftlichen und literaturhistorischen Schriften, Abhandlungen über theologische und religionsphilosophische Fragen sowie aus pädagogisch-didaktischen Essays. Einige der Schriften sind philosophische Werke, in denen Plutarch die Platonische Schule den Lehren des Stoizismus und Epikureismus entgegensetzt. Die Moralia enthält weiterhin die neun Bücher der Symposiaca ton hepta sophon, eines dialogischen Werkes über die überlieferten Lehren der sagenhaften Sieben Weisen Griechenlands. Im 2. Jahrhundert n. Chr. veröffentlichte der Arzt Galen sein umfangreiches Werk, das das gesamte Wissen der Antike über Bereiche wie Anatomie, Physiologie, Pathologie und Pharmakologie zusammenfasste und damit zu einer wichtigen Quelle der Medizingeschichte wurde.
Die frühchristlichen Autoren, die das Neue Testament kompilierten und übersetzten, trugen damit maßgeblich zur Herausbildung der so genannten Koiné („gemeinsame Sprache”) bei, der später allgemein verwendeten Rechts- und Schriftsprache der gesamten griechisch-hellenistischen Welt. Diese Ausprägung des Griechischen unterscheidet sich deutlich vom attischen Dialekt, den die Schriftsteller der Klassik und deren Nachfolger (die so genannten Attizisten) verwendeten, etwa der Satiriker Lukian (Hetären-, Götter- und Totengespräche). Sein phantastischer Reise- und Abenteuerroman Alethe Dihegemata (Wahre Geschichten) ist eine Parodie auf Geschichten, die von früheren Dichtern und Geschichtsschreibern als Tatsachenberichte ausgegeben wurden. Unter anderem enthält der Roman die Schilderung einer Reise zum Mond und Abenteuer im Bauch eines riesigen Walfisches; damit ist es ein Vorläufer von Werken wie Pantagruel des französischen Satirikers François Rabelais aus dem 16. Jahrhundert und Gullivers Reisen des englischen Satirikers Jonathan Swift aus dem 18. Jahrhundert. Als kritischer Rationalist wirkte Lukian bis hin zu den Humanisten der Neuzeit (siehe Lügendichtung).
Der Prototyp des Romans entstand gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Griechenland. Fünf griechische Romane, die vollständig erhalten sind, wurden zwischen etwa 100 und 300 n. Chr. verfasst: Chaireas und Kallirhoe von Chariton, das älteste der fünf Werke, Aithiopika, oder Theagenes und Charikleia (frühes 3. Jahrhundert n. Chr.) von Heliodor von Emesa, Daphnis und Chloe von Longos, Ephesiaka, oder Anthia und Habrokomes von Xenophon von Ephesos und schließlich Leukippe und Klitophon (vor 300 n. Chr.) von Achilleus Tatios. Alle diese Werke sind volkstümliche Liebes- und Abenteuerromane, die das Leben der unteren Volksschichten realistisch spiegeln. Heliodors Werk ist erfüllt von einer schlichten Frömmigkeit. Es beeinflusste spätere Autoren wie den spanischen Romancier Miguel de Cervantes, den italienischen Dichter Torquato Tasso und den französischen Dramatiker Jean Racine und übte insgesamt großen Einfluss auf die Entwicklung des Barockromans aus.
Die stoische Philosophie (siehe Stoa) wurde durch die Schriften von Epiktet und Marcus Aurelius verbreitet, die Neuplatoniker (siehe Neuplatonismus) fanden in Plotin ihren wichtigsten literarischen Vertreter. Die wohl schönsten Verse dieser Zeit finden sich in anonymen Epigrammsammlungen, wie der im 10. Jahrhundert n. Chr. zusammengestellten Anthologia Palatina oder der Anthologia Planudea aus dem 13. Jahrhundert.
| 6. | Byzantinische Zeit (Mitte 4. Jahrhundert bis 1453) |
Vom Beginn der Herrschaft Konstantins im Jahr 323 n. Chr. bis zum Fall Konstantinopels 1453 (siehe Byzantinisches Reich) verlor die griechische Literatur den homogenen Charakter früherer Perioden und wurde verstärkt von lateinischen und arabischen Elementen durchdrungen. Sie zerfiel in eine Gelehrtenliteratur, die an Formen und Stilmittel der klassischen Literatur anknüpfte, und eine volkstümliche Tradition, die sich an breitere Schichten des gemeinen Volkes wandte.
Der größere Teil der Prosaliteratur dieser Zeit bestand aus philosophischen und theologischen Schriften. So griff der heilige Athanasios im 4. Jahrhundert in zahlreichen Werken den Arianismus an, im 6. Jahrhundert attackierten Anastasios von Antiochia und Leontios von Byzanz die Monophysiten (siehe Monophysitismus). Die kappadokischen Kirchenväter – Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz – waren nicht nur als Schriftsteller von Bedeutung, sondern nahmen auch großen Einfluss auf die Entwicklung der Theologie. Im 8. Jahrhundert verfasste der letzte der großen griechischen Theologen, Johannes von Damaskus, Polemiken gegen die Ikonoklasten (siehe Ikonoklasmus) sowie eines der frühesten Werke über christliche Dogmen, die Quelle der Erkenntnis. Symeon Metaphrastes war Herausgeber einer Sammlung von Heiligenlegenden (siehe Legende) und Märtyrerakten (Menologion des Metaphrasten).
Die Lyrik der byzantinischen Zeit, die durch ein tiefes religiöses Empfinden gekennzeichnet war, brachte eine reiche Hymnendichtung hervor, während weltliche Themen unter dem zunehmenden Einfluss der Kirche immer stärker zurückgedrängt wurden. Bedeutende Vertreter der byzantinischen Kirchendichtung waren Romanos von Syrien sowie die frühen Kirchenväter, vor allem Gregor von Nazianz und Kosmas von Jerusalem.
Von großer Bedeutung auch in literarischer Hinsicht waren die byzantinischen Historiker, Philologen und Philosophen, wie Prokopios von Kaisareia, Konstantin VII. Porphyrogennetos, Michael Psellos, Anna Komnena, Georgios Pachymeres und Johannes VI. Kantakuzenos. Der bedeutendste byzantinische Philologe war Photios, der mit seinen Inhaltsangaben, Auszügen und kritischen Beurteilungen zu etwa 280 heute zum Teil verlorenen griechischen Prosawerken vieles bewahrte, was sonst unwiederbringlich verloren wäre (Myriobiblion oder Bibliotheca). Zu seinen Schriften gehören die Mystagogia Spiritus Sancti, ein erster Versuch zur Widerlegung der lateinischen Filioque-Lehre. Auch Photios’ Homilien sind von großem historischen und literarischen Interesse. Im 12. Jahrhundert verfasste Eustathios von Thessaloniki einen Kommentar zu den Werken klassischer Autoren, wie Hesiod, Pindar und den griechischen Tragödienschriftstellern.
| 7. | Neuzeit |
Mit dem 4. Kreuzzug von 1204 drangen fränkische Invasoren in das Reich ein und ließen sich im Zentrum und Süden Griechenlands nieder (siehe Kreuzzüge). Das bedeutendste literarische Werk, das in der Folge dieser Besetzung entstand, ist Die Chronik von Morea (14. Jahrhundert), ein langes episches Gedicht, das vermutlich von einem griechisch sprechenden Franken verfasst wurde. Es besticht durch die Schönheit der Verse, seine dramatische Kraft und den eleganten Fluss eines lebendig beschreibenden mundartlichen Idioms.
Mitte des 15. Jahrhunderts brachte die Eroberung Konstantinopels und später ganz Griechenlands durch die Türken beinahe die gesamte kulturelle Entwicklung dort zum Erliegen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts lebte die griechische Sprache und Literatur außer in vereinzelten kulturellen Nischen lediglich am Rande der griechischen Welt außerhalb des osmanischen Herrschaftsbereiches fort.
| 1. | Kreta |
Das von den Osmanen nicht besetzte, damals unter der Herrschaft der Venezianer stehende Kreta entwickelte sich während des 16. und 17. Jahrhunderts zu einem literarischen Zentrum, wo besonders das Versepos und das von der italienischen Komödie beeinflusste kretische Theater eine Blütezeit erlebten. Während dieser Zeit entstanden Dramen wie Erophile von Georgios Chortatzis sowie zwei der bedeutendsten volkssprachlichen Werke (siehe Demotisch): das romantische Gedicht Erotókritos von Vitzéntzos Karnáros, das zu einer Art Nationalepos avancierte, und Abrahams Opfer (1635), ein psychologisches Drama eines anonymen Autors. Die lyrische Produktion dieser Zeit umfasste besonders Helden- und Klagelieder, historische Volkslieder und bukolische Gedichte. Eine Vielzahl ähnlicher Lieder findet sich auch auf Zypern und den ägäischen Inseln.
Die kretische Literaturblüte wurde durch die türkische Eroberung der Insel im 17. Jahrhundert erstickt. Als literarische Zeugnisse aus späterer Zeit haben sich Volkslieder der Klephten erhalten; diese waren griechische Partisanen gegen die türkischen Besatzer, die dazu beitrugen, die spätere Befreiung Griechenlands geistig vorzubereiten.
| 2. | Hochsprache versus Volkssprache |
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhielt die Hoffnung der Griechen auf eine Befreiung von den Türken neue Nahrung. Während zahlreiche literarische Werke entstanden, schob sich das Problem der Zweisprachigkeit immer stärker in den Vordergrund, das die griechische Literatur über Jahrzehnte belasten sollte. Da die Kirche während der türkischen Herrschaft großen Einfluss auf das Bildungswesen genommen hatte, wurde der konservativ geprägte Unterricht in einer am Altgriechischen orientierten Reinsprache (dem so genannten Katharevusa), einer veralteten Form des byzantinischen Griechisch, abgehalten, an der auch zahlreiche im Ausland lebende Griechen festhielten. Sie unterschied sich stark von der gesprochenen Volkssprache (Dimotiki), die im Alltagsleben dominierte.
Die Spuren des Sprachkampfes offenbaren sich insbesondere im Bereich der Lyrik. Seit dem Mittelalter hatte sich dort eine reiche volkssprachliche Tradition herausgebildet, die Klagegesänge, Tierepen und von der westlichen Literatur beeinflusste Ritterdichtungen umfasste (siehe Ritterroman). Im 18. Jahrhundert wandten sich einige Dichter – darunter Konstantinos Rhigas und Iakovos Rhizos Neroulos – wieder der klassischen Tradition zu, die von Schriftstellern und Historikern wie Alexandre Rizos Rangavis bis ins 19. Jahrhundert weitergeführt und erst später zugunsten der ausdrucksreicheren, lebendigeren Volkssprache überwunden wurde.
| 3. | Befreiungsbewegung |
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die Literatur und vor allem die Lyrik von patriotischen Themen dominiert. Die provozierenden Verse des Leiters der ionischen Poetikschule, Dionysios Solomós, trugen maßgeblich zur Erneuerung der griechischen Literatur bei. Sein Imnos is tin eleftherian (1823; Hymne an die Freiheit) wurde später zur griechischen Nationalhymne des von den Türken befreiten Griechenland. Ein weiterer wichtiger Dichter der ionischen Schule war Andreas Kalvos (Andreas Ioannidis), ein bedeutender Altphilologe. In seinen in einem selbst entwickelten Dialekt gehaltenen Gedichten klingen die Päane der griechischen Antike an.
Die Unabhängigkeit Griechenlands 1832 verlieh der Literatur neue Impulse. Zu den innovativsten Autoren des 19. Jahrhunderts zählt Emmanuel Roidis. Er debütierte mit dem Roman I Papissa Ioanna (1865; Päpstin Johanna), wurde aber auch als Satiriker, Kritiker und Übersetzer englischer und französischer Werke bekannt. Alexandros Papadiamantis, einer der bedeutendsten neugriechischen Erzähler, verfasste lyrische Vignetten über Insellandschaften und das Leben auf dem Dorf. Ta rodina akroyialia (Rosafarbene Küsten), eine Sammlung seiner Geschichten, wurde 1913 posthum veröffentlicht. Ein anderer wichtiger Autor ist der ionische Erzähler Argyris Ephtaliotis, zu dessen bekanntesten Werken die Erzählungssammlung Nisiotikes istories (1894) gehört.
Zu den bedeutenden Dichtern der Zeit nach der Befreiung zählt Aristotelis Valaoritis, dessen in der Volkssprache verfasstes Werk sich durch eine kraftvolle und lebhafte Bildersprache auszeichnet. Ein weiterer herausragender Dichter dieser Epoche ist der Symbolist Ioannis Papadiamantopoulos. Bekannt unter dem Namen Jean Moréas, verfasste der in Frankreich lebende Mitbegründer der neoklassizistischen École romane seine Werke in französischer Sprache (siehe Neoklassizismus). Moréas übte einen beträchtlichen Einfluss auf jüngere griechische Schriftsteller wie den Lyriker und Erzähler Konstantinos Chatzopoulos und Miltiadis Malakassis aus. Letzterer schrieb ebenfalls zunächst auf französisch, wandte sich jedoch später seiner griechischen Muttersprache zu. Von Bedeutung ist auch Georgios Souris, ein politischer Satiriker in der Tradition des Aristophanes. Souris veröffentlichte ein wöchentliches Journal, in dem er lebhafte, scharfzüngige Kommentare in Versform zu politischen und sozialen Themen verbreitete.
Nachdem die ersten bedeutenden griechischen Dramatiker des 19. Jahrhunderts, Dimitrios Vernardakis und Spiridon Vasiliadis, noch im klassischen Stil geschrieben hatten, begann sich auch im Drama die Volkssprache durchzusetzen, wie in den satirischen Dramen von Ioannis Kambisis, der sich mit dem alltäglichen Leben in Athen befasste. Geprägt vom Naturalismus, verfasste der Romancier und Bühnenautor Spyros Melas Dramen wie Ios tou iskyou (1907; Der Sohn des Schattens) oder Kokkino poukamiso (1908; Das rote Hemd). Die Stücke von Gregorios Xenopoulos, besonders Stella Violanti (1909), zeugen vom Einfluss des norwegischen Naturalisten Henrik Ibsen. In Stücken wie Zontani ke pethameni (1905) von Dimitrios Tangopulos fand der griechische Symbolismus seinen Ausdruck.
| 4. | Moderne Lyrik |
Einer der bekanntesten Lyriker Anfang des 20. Jahrhunderts war Georgios Drosines, zu dessen Werken die Gedichtbände Photera skotadia (1903-1914) und Klista vlephara (1914-1917) gehören. Einer der bedeutendsten neugriechischen Lyriker, der nach der Durchsetzung der Volkssprache als Literatursprache einen bedeutenden Beitrag zu deren weiteren Entwicklung leistete, war Kostis Palamàs. Einige seiner besten Gedichte sind in Asalephti zoi (1904) versammelt. Sein breit angelegtes lyrisches Poem I flogera tu vasilià (1910; Die Rohrflöte des Kaisers) schildert in zwölf Gesängen die Taten des byzantinischen Kaisers Vasilios Vulgaroktonos, sein meisterhaftes Versepos O dodekalogos tu giftu (1907; Die Zwölf Gesänge des Zigeuners) verleiht den Hoffnungen und Ambitionen des griechischen Volkes Ausdruck.
Einer der einflussreichsten und international erfolgreichsten Dichter des modernen Griechenland ist Konstantinos Kavafis. Er wurde in Alexandria geboren und verbrachte dort einen Großteil seines Lebens. Wie bereits im Hellenismus war die Stadt, die den Hintergrund für zahlreiche seiner Gedichte bildete, auch um die Wende zum 20. Jahrhundert ein Zentrum griechischer Kultur. Eine an Baudelaire erinnernde Melancholie durchdringt seine homoerotische Lyrik. „Ta vimata” (vor 1911) dagegen thematisiert die Heimsuchung des Kaisers Nero durch die Furien. Kavafis’ Werke sind in einer eigentümlichen Mischung aus Hoch- und Volkssprache gehalten und markieren in ihrer Kargheit und Präzision den Übergang zur griechischen Moderne.
Angelos Sikelianos, dessen ausdrucksstarke Lyrik von Pindar beeinflusst ist, war einer der ersten volkssprachlichen Dichter der Moderne, der in freien Versen schrieb, die von der klassischen und Chorlyrik beeinflusst sind. Zu seinen herausragenden Werken zählen die Dichtung Afierosi tu Delfikù Logu (1927; Weihe des Delphischen Worts), die Tragödien Christos sti Romi (1946; Christus in Rom) und O Thanatos tu Digeni (1948; Digenis’ Tod) sowie die Gedichtsammlung Lyrikos vios (13 Bde., 1946/47; Lyrisches Leben). Gemeinsam mit seiner Frau Eva organisierte Sikelianos die Delphischen Festspiele in Athen und die Inszenierungen der Stücke von Aischylos im Apollonheiligtum auf dem Parnassos.
| 5. | Moderne Prosa |
Einer der bekanntesten griechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist Nikos Kazantzakis. Die Werke des kretischen Romanciers und Lyrikers, die vorwiegend in einer ihm eigenen Adaption des kretischen Dialekts geschrieben sind, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. In dem Versepos Odissia (1938; Odyssee) schreibt er die Odyssee Homers von der Heimkehr des Odysseus bis zu dessen Tod fort. Weltruhm erlangte er mit den Romanen Vios ke politia tu Alexi Zorbà (1943; Alexis Sorbas), der von Michael Kakogiannis verfilmt wurde, und O Christòs xanastavronete (geschrieben 1948, Erstveröffentlichung griechisch 1954; Griechische Passion).
Mit den Erzählern der so genannten Generation der dreißiger Jahre schlug sich die Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftlichen Problemen in der modernen griechischen Literatur nieder. Elias Venesis, ein Meister der Sprache und der realistischen Beschreibung seiner Heimat, trat mit Werken wie Galini (1939; Friede in attischer Bucht) und Eoliki gi (1943; Äolische Erde) hervor. Stratis Myrivilis, ein Erzähler mit lebendiger und bildhafter Sprache, verfasste den von seinen Erlebnissen im 1. Weltkrieg geprägten Roman He daskála me ta chrysã mátia (1932; Die Lehrerin mit den goldenen Augen) und He Panagia he gorgóna (1949; Die Madonna mit dem Fischleib). Pantelis Prevelakis, der einige Zeit in der Nachfolge von Kazantzakis stand, verfasste historische Romane wie die Trilogie O Kritikòs (3 Bde., 1948-1950; Die Kreter) und To chronikò miàs politias (1938; Die Chronik einer Stadt). Seine gesammelten Gedichte erschienen 1969. Kosmas Politis, ein hervorragender Stilist, zeigt in seinen Werken ein feines Gespür für das Seelenleben junger Menschen. Politis gelang es, Elemente der Romantik des 19. Jahrhunderts mit dem realistischen Lebensgefühl des 20. Jahrhunderts zu kombinieren. Zu seinen wichtigsten Romanen zählen Lemonodasos (1930; Der Zitronenwald), Hekate (1933) und Eroica (1938). Georgios Theotokas, der mit seinem kritischen Essay Der freie Geist (1929) die Programmatik der Generation der dreißiger Jahre formulierte und zeitweilig das griechische Nationaltheater leitete, setzte sich in seinem erzählerischen Werk besonders mit den Problemen der bürgerlichen Gesellschaft auseinander. Zu den bedeutenden zeitgenössischen Schriftstellern gehört Ioannis M. Panajotopulos. Mit seinem Werk, das auch kunst- und literaturkritische Beiträge sowie Reiseberichte umfasst, leistete er einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in Griechenland. Sein Roman Aichmálotoi (1951; Gefangene) behandelt die Zeit vor dem 2. Weltkrieg bis zur Besetzung Griechenlands durch die Deutschen.
| 6. | Nach 1945 |
Während und nach dem 2. Weltkrieg entstand in Schriftstellerkreisen, die ihre Rolle im Überlebenskampf des griechischen Volkes reflektierten, eine Literatur, die sich stärker als bisher mit sozialen und politischen Gegebenheiten auseinandersetzte. Viele dokumentarische Werke von literarischem Wert befassten sich mit der griechischen Widerstandsbewegung, ein Thema, das ebenso wie der darauf folgende Bürgerkrieg auch in diversen patriotischen Gedichten abgehandelt wurde.
Zu den Schriftstellern, die das Werk von Nikos Kazantzakis nach dessen Tod im Jahr 1957 fortsetzten, gehörte Vassilis Vassilikos, der insbesondere mit seinem später von Costa-Gavras verfilmten Protestroman Z (1966) Aufsehen erregte. Ausgehend von der Ermordung des demokratischen Parlamentsabgeordneten Lambrakis schildert Vassilikos in diesem von ihm selbst als dokumentarisch bezeichneten Roman die gewalttätigen Methoden korrupter Politiker und Militärs, die die griechische Monarchie unterstützten. Zu seinem Spätwerk gehören drei umfangreiche Erzählungen, die unter dem Titel Kroup Ellás (1976) veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt der Titelgeschichte steht eine große Munitionsfabrik (die Werke der Familie Krupp).
Zugunsten einer psychologisch motivierten Darstellung des modernen Lebens ließ in den fünfziger Jahren die thematische Fixierung auf den Krieg und seine Folgen nach. In seiner Trilogie Akivernites Polities (Unregierte Städte), bestehend aus den Bänden I Leschi (1960; Der Club), Ariagni (1962; Ariadne) und I Nichterida (1965; Die Fledermaus) schilderte Stratis Tsirkas das Leben der Griechen, die ins Exil nach Ägypten gegangen waren. Antonis Samarakis schrieb über Menschen, die an dem Druck der modernen Gesellschaft zerbrechen, etwa in dem Roman To lathos (1965; Der Fehler). Die Situation der Frau innerhalb der modernen sozialen Strukturen thematisierte Galatia Sarandi, während sich Nestoras Matsas in seinem Werk mit den während des 2. Weltkrieges in Griechenland lebenden Juden befasste.
Nach dem Krieg formierte sich eine tatkräftige Gruppe engagierter Dichter in Griechenland, die ein starkes Geschichtsbewusstsein mit neuen Formen der Darstellung verbanden. Einer der wichtigsten Vertreter der modernen neugriechischen Lyrik, der sich auch um die Erneuerung der neugriechischen Sprache verdient machte, ist Giorgos Seferis. Seine Dichtung, die stark in der griechischen Tradition verwurzelt ist, besticht vor allem durch seinen suggestiven Symbolismus. 1963 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. In deutscher Sprache erschienen seine Gedichte in den Sammlungen Sechzehn Haikus (1968), Logbücher 1 und 2: Poesie und Prosa (1981), Geheime Gedichte (1985) und Poesie. Griechisch und deutsch (1987). Das stark politisch motivierte Werk von Jannis Ritsos erschien u. a. in den Bänden Martiries (2 Teile, 1963 bzw. 1966; Zeugenaussagen) und Tetarti Diastassi (1977; Die Mondscheinsonate). In deutscher Auswahl liegen außerdem die Sammlungen Gedichte (1968), Die Wurzeln der Welt (1970), Mit dem Maßstab der Freiheit (1972) und Unter den Augen der Wächter (1989) vor. Der kretische Maler, Dichter und Übersetzer Odysseas Elytis gehört zu den wenigen Surrealisten in der griechischen Literatur (siehe Surrealismus). Sein Hauptthema, die Erlösung des Menschen von allen Widrigkeiten, gestaltete er in einer neuartigen Metaphorik. Elytis erhielt 1979 den Nobelpreis für Literatur. Zu seinen Hauptwerken zählen Helios ho protos (1943; Sonne, die erste) und To Axion Esti (1959; To axion esti, gepriesen sei, auch: Es ist würdig und recht).
Das neugriechische Drama, das bis zum Ende des 2. Weltkrieges von internationalen Entwicklungen nahezu unberührt blieb, begann sich erst in den fünfziger Jahren zu entwickeln. Im Gegensatz zu den Tragödien von Sikelianos und Kazantzakis, die in der Antike und in der byzantinischen Zeit verwurzelt sind, kreisen die Stücke jüngerer Autoren um zeitgenössische Themen.