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| 1. | Einleitung |
Naher Osten, politisch-geographische Bezeichnung für den Großraum, der Südwestasien und Nordostafrika und somit folgende Länder umfasst: Ägypten, Israel, Jordanien, Syrien, Libanon, Türkei, Irak, Iran sowie die Länder der Arabischen Halbinsel Saudi-Arabien, Jemen, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Bahrain und Kuwait. Die Bezeichnung Mittlerer Osten umfasst dagegen die südasiatischen Länder Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Bhutan und Bangladesch.
Seit frühester Zeit haben Menschen den Nahen Osten wegen Handels- oder Machtinteressen durchquert. Verschiedene Hochkulturen entwickelten sich von hier aus, weshalb das Gebiet des Nahen Ostens auch den Beinamen „Wiege der Zivilisation” erhielt. Die ersten Städte, Regierungen, Gesetzesbücher und Alphabete stammen aus dem Nahen Osten. Vier Religionen (Judentum, Parsismus, Christentum und Islam) haben hier ihren Ursprung.
| 2. | Die ersten Hochkulturen |
Den frühen Völkern des Nahen Ostens gelang es allmählich, entlang der großen Ströme Nil, Euphrat, Tigris und Indus Land im Bewässerungsfeldbau zu kultivieren. Die ersten Reiche waren Ägypten und Sumer; sie entstanden noch vor 3000 v. Chr. Die Sumerer wurden zunächst von den semitischen Stämmen der Akkadier und Amoriter (Amurru) aus dem Süden, später von indoeuropäischen Völkern aus dem Norden unterworfen, was zur Entstehung des Reiches Babylonien in Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, führte. Die Ägypter wurden von den semitischen Hyksos angegriffen, konnten diese jedoch wieder vertreiben, und errichteten ein mächtiges Reich. Um 1000 v. Chr. erschütterte eine erneute Welle von Invasionen den Raum, und in der Folge entstanden die Königreiche Phönizien und Israel. Die Phönizier betrieben ausgiebigen Seehandel und entwickelten eines der ersten Alphabete. Die Israeliten waren das erste Volk, das an einen einzigen, allmächtigen Gott glaubte, der sich durch heilige Schriften offenbarte. In Assyrien lebte ein kriegerisches Volk, das Werkzeuge und Waffen aus Eisen entwickelte und nach Mesopotamien expandierte.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. eroberten die Perser den gesamten Nahen Osten und führten ein Regierungssystem ein, das zum Vorbild für alle nachfolgenden Reiche wurde. Persien erstreckte sich über den gesamten Raum zwischen Indus und Nil. Die Untertanen des Reiches durften ihren jeweiligen Glauben und ihre Bräuche bewahren, solange sie die persischen Gesetze befolgten, dem persischen Staat Steuern entrichteten und die Männer der Armee dienten. Die Völker des Reiches waren zwar durch Straßen, Postverkehr und eine gemeinsame Verwaltungssprache miteinander verbunden, regelten jedoch nach wie vor den Großteil ihrer Angelegenheiten eigenständig. Staatsreligion war der Zoroastrismus (aus dem sich der Parsismus entwickelte), aber auch andere Religionen wurden geduldet. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde Persien, das inzwischen von Rebellionen und inneren Konflikten geschwächt war, von Alexander dem Großen aus Makedonien erobert.
| 3. | Hellenistische und römische Ära |
Beginnend mit der Eroberung durch Alexander war der Nahe Osten für etwa ein Jahrtausend Teil der hellenistischen (d. h. von der griechischen Kultur geprägten) Welt. Dabei vermischte sich die griechische Kultur mit landeseigenen Sitten, denn Alexander übernahm Gedankengut und Bräuche, aber auch Beamte und Soldaten von den Ägyptern, Mesopotamiern und Persern. Der ägyptische Hafen von Alexandria wurde zu einem Zentrum von Handel und Kultur sowie zu einem Denkmal für den Eroberer, der die Stadt gründete und nach dem sie benannt ist. Als die Macht der Makedonier verfiel, eroberten die Römer weite Teile des Nahen Ostens. Persien blieb jedoch unabhängig von Rom und wurde weiterhin von eigenen Herrscherdynastien regiert, zunächst von den Parthern (248 v. Chr. bis 226 n. Chr.), danach von den Sassaniden (226-641 n. Chr.). Die Herrschaft Roms brachte Handel und Gewerbe nach Ägypten, Syrien und Kleinasien. Verschiedene Religionen, zunächst das Judentum, später das Christentum sowie der Mithras-Kult, konkurrierten im Nahen Osten zur Zeit des Römischen Kaiserreiches um Anhänger. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts dominierte das Christentum. Konstantin der Große, der erste christliche Kaiser des Römischen Reiches, unterstrich die enge Verbundenheit des Reiches mit dem Osten, indem er seinen Regierungssitz nach Byzanz, einer Hafenstadt am Bosporus, verlegte. Sie wurde später in Konstantinopel umbenannt, entwickelte sich zu einer bedeutenden Metropole und war schließlich über einen Zeitraum von mehr als 1 000 Jahren die Hauptstadt des Oströmischen (Byzantinischen) Reiches.
| 4. | Islamische Ära |
Im frühen 7. Jahrhundert trat der in Mekka geborene religiöse Führer Mohammed (Muhammad) vor den Nomadenvölkern der Arabischen Halbinsel als Prophet Gottes auf. Er gründete eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich selbst als Muslime („die sich in den Willen Gottes ergeben”) und ihren Glauben als Islam („Hingabe”) bezeichneten. Dieser breitete sich innerhalb kurzer Zeit auf der Arabischen Halbinsel aus. Als der Prophet 632 starb, hatten seine Glaubenslehren, die auf jüdisch-christlichen und arabischen Traditionen aufbauten, bei den arabischen Völkern eine breite Anhängerschaft gefunden.
| 5. | Arabische Vorherrschaft |
Mohammeds Nachfolger, die so genannten Kalifen, führten die Völker der Arabischen Halbinsel in mehreren Vorstößen bis nach Syrien, Mesopotamien, Persien und Ägypten. Unterstützung fanden diese arabischen Feldzüge auch bei vielen Christen, Juden und Anhängern des Zoroastrismus im Nahen Osten, die empört waren über die Verfolgungen, die sie unter dem Byzantinischen Reich und den Sassaniden Persiens erlitten hatten. (Das Byzantinische Reich hatte inzwischen den Großteil seines Territoriums verloren, das Persische Reich war völlig von den Arabern vereinnahmt worden.) Die frühen Kalifen tolerierten die nichtmuslimische Bevölkerung, solange sie Steuern zahlte und nicht rebellierte. Bei den eroberten Völkern gab es zunächst kaum Übertritte zum Islam, aber im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelte er sich zur vorherrschenden Religion.
Das Kalifat wurde von zwei aufeinander folgenden Dynastien beherrscht: den von Damaskus aus regierenden Omaijaden (661-750) und den Abbasiden (750-1258), die in Bagdad ansässig waren. Die Omaijaden eroberten Nordafrika und Zentralasien und griffen mit der Einnahme von Spanien auch auf Europa über. Die Abbasiden belebten Handel und Kultur und räumten nichtarabischen Einwohnern den gleichen Status wie arabischen Muslimen ein. Sie verloren jedoch die Macht in den entfernteren Gebieten des Kalifats. Neue Dynastien entwickelten sich, und 945 hatten die Abbasiden sogar die Herrschaftsgewalt über ihre eigene Hauptstadt verloren. Als die arabischen Stämme sich in die Wüste zurückzogen, übernahmen Iraner und Türken die Macht. Trotz der Teilung der Region auf politischer Ebene blühten jedoch Handel und Handwerk, die Wissenschaften und die Künste.
| 6. | Türkische und iranische Vorherrschaft |
Im 10. Jahrhundert breiteten sich Türken aus Zentralasien im Nahen Osten aus. Sie übernahmen Glauben, Gesetze und Kultur der ansässigen Muslime und regierten schon bald die meisten ihrer Länder. Die Dynastie der Ghasnawiden (962-1186) verbreitete den Islam bis nach Indien. Die Dynastie der Seldschuken (1040-1302) eroberte 1071 Kleinasien, das bis dahin von den Byzantinern regiert worden war. Die türkische Invasion trug auch zum Ausbruch der Kreuzzüge bei. Europäische Kreuzritter landeten an der Ostküste des Mittelmeeres, drangen nach Jerusalem vor und kämpften und plünderten im Namen des Christentums, um das Heilige Land von der Herrschaft der „Ungläubigen” zu befreien. Folgenschwerer für den Islam war jedoch die Expansion des Mongolischen Reiches im 13. Jahrhundert; dabei wurden große Teile des Irak und des Iran zerstört. Die Mamelucken aus Ägypten, als Soldaten eingesetzte Sklaven, die zum Islam konvertiert waren, brachten den mongolischen Vorstoß schließlich 1260 zum Erliegen.
Die Mamelucken und verschiedene Mongolenstämme gründeten zwar in den folgenden Jahrhunderten mächtige Reiche. Größtes und dauerhaftestes war jedoch das Osmanische Reich. Ausgehend vom Hügelland im Westen Kleinasiens erstürmten und eroberten türkische Stämme unter der Führung Osmans I. Ghasi und seiner Söhne byzantinische Gebiete, zunächst in Asien und später in Südosteuropa. 1453 fiel Konstantinopel in ihre Hände. Es wurde in Istanbul umbenannt und Hauptstadt der Nachfolger Osmans, der Osmanen. Ihre Eroberungen setzten sich fort, bis ihr Reich sich von Ungarn im Norden bis nach Jemen im Süden und von Algerien im Westen bis zur iranischen Grenze im Osten erstreckte. Sie versuchten auch, den Iran zu besetzen, wurden jedoch von den Safawiden, der damaligen iranischen Dynastie (1502-1736), zurückgeschlagen.
| 7. | Europäische Vorherrschaft |
Nach dem 16. Jahrhundert erfolgte der Niedergang der großen islamischen Reiche. Die Osmanen verloren europäische Gebiete an Österreich und Russland; die Safawiden mussten sogar ihr gesamtes Territorium aufgeben. Der Iran erlebte im 18. Jahrhundert unter Schah Nadir einen Aufschwung, auf den jedoch erneut Jahre des Niedergangs folgten. Das Osmanische Reich behielt die Vorherrschaft in seinen Gebieten etwas länger, da sich die europäischen Mächte nicht über die Aufteilung dieser überaus großen Region einigen konnten. Einige osmanische Herrscher des 19. Jahrhunderts versuchten, Armee und Verwaltung nach westlichem Vorbild umzugestalten. Auch der Zustrom europäischer Fachleute und Unternehmer im technischen Bereich veränderte die osmanische Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. Viele Muslime betrachteten den Westen mit Misstrauen und lehnten die Veränderungen ab. Andere wiederum wurden von nationalistischen und demokratischen Überzeugungen der Europäer beeinflusst.
Besonders weit reichten die westlichen Einflüsse in Ägypten. Mehmed Ali, der das Land von 1805 bis 1849 als Vizekönig regierte, reformierte die Wirtschaft Ägyptens durch Einfuhr neuer Anbauprodukte (Zucker, Baumwolle), Straßen- und Kanalbau sowie die Anlage von Fabriken. Für diese Projekte gewann er Techniker und Lehrer aus Europa. Seine Nachfolger waren jedoch nicht in der Lage, die Unabhängigkeit des Landes zu wahren, und so geriet Ägypten nach 1882 unter britische Kontrolle.
Im Iran setzten sich Reformen nach westlichem Vorbild am wenigsten durch. Russland bemächtigte sich nördlicher Landesteile des Iran, und westliche Nationen versuchten, die Kontrolle über die Finanzen und Rohstoffe des Landes zu erringen. Im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert entbrannte zwischen Großbritannien und Russland ein Kampf um die Vorherrschaft im Iran, was dazu führte, dass das Land in zwei Einfluss-Sphären aufgeteilt wurde. Iranische Nationalisten waren über die ausländischen Eingriffe und die Korruptheit der schwachen iranischen Führung empört und zwangen im Jahr 1906 den regierenden Schah, eine Nationalversammlung einzuberufen, die eine Verfassung ausarbeitete. Die Entdeckung von Erdöl im Südwesten des Landes um die Jahrhundertwende fand kaum Beachtung, obwohl sich die Briten während der beiden Weltkriege dort ausgiebig bedienten.
| 8. | Das 20. Jahrhundert |
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien zunächst der gesamte Nahe Osten unter europäische Vorherrschaft zu geraten. Als sich die Türken im 1. Weltkrieg mit Deutschland verbündeten, unterstützte Großbritannien arabische Aufstände gegen die türkische Herrschaft. Nach der Niederlage Deutschlands und der Türkei 1918 hofften die Araber, unabhängige Staaten gründen zu können. Großbritannien hatte jedoch bereits zugestimmt, Syrien an Frankreich abzutreten und eine jüdische Heimstätte in Palästina zu gründen. Der Völkerbund unterstellte Syrien dem französischen Mandat sowie Palästina und den Irak den Briten. Ägypten, das seit 1914 britisches Protektorat war, erhielt seine Unabhängigkeit 1922, blieb aber weiterhin unter Kontrolle Großbritanniens.
Die Wende kam, als sich die türkischsprachige Bevölkerung, die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen war, von der Niederlage erholt hatte. Der Soldat und nationalistische Führer Mustafa Kemal (später Atatürk, „Vater der Türkei”) verteidigte die Türkei gegen eine griechische Invasion, brachte die Westmächte dazu, den Friedensvertrag von Sèvres, der dem Osmanischen Reich aufgezwungen worden war, teilweise zu revidieren, und gestaltete das Land in eine säkulare Republik um. Im Iran kam ein Armeeoffizier als Resa Pahlewi 1921 an die Macht und versuchte, Reformen nach dem Vorbild Kemals durchzuführen.
In den dreißiger und vierziger Jahren wurden die meisten arabischen Staaten von Großbritannien bzw. Frankreich unabhängig. In Palästina führte jedoch die wachsende Zahl jüdischer Einwanderer zu Protestkundgebungen der arabischen Bevölkerungsmehrheit, die eine bevorstehende Vorherrschaft der Juden befürchtete (siehe Zionismus). Bestrebungen der Briten, die Zuwanderung zu beschränken, erregten den Zorn palästinischer Juden, und es kam während des 2. Weltkrieges und danach zu Rebellionen gegen die Regierung. Die Vereinten Nationen stimmten 1947 dafür, Palästina zwischen Juden und Arabern aufzuteilen, aber sämtliche arabischen Staaten lehnten den Plan ab. Nach dem Abzug der britischen Truppen aus Palästina riefen die Juden 1948 den unabhängigen Staat Israel aus. Ein Angriff der arabischen Staaten auf Israel blieb ohne Erfolg, und so floh der Großteil der arabischen Bevölkerung Palästinas nach Jordanien und in andere Nachbarstaaten. Vier Jahrzehnte später und nach zahllosen Kriegen war die Palästinenserfrage nach wie vor ungelöst. Die arabisch-israelischen Beziehungen blieben feindselig – trotz eines 1979 unterzeichneten gesonderten Friedensabkommens zwischen Ägypten und Israel.
Auch während der achtziger und neunziger Jahre gab es eine Reihe von Konflikten: die Interventionen Israels und Syriens im Libanon, der bereits Schauplatz zahlreicher Kämpfe zwischen verschiedenen Gruppierungen gewesen war; der Krieg zwischen Iran und Irak (1980-1988) und der Golfkrieg, bei dem eine internationale Koalition das vom Irak 1990 besetzte Kuwait befreite. Eine Entwicklungstendenz in dieser Zeit ist das Aufflammen des islamischen Fundamentalismus, das sich vor allem im Iran, aber auch in Ägypten sowie, am Rande des Nahen Ostens, in der Republik Sudan und in Algerien bemerkbar machte. Die Industrienationen waren weiterhin stark vom Erdöl des Nahen Ostens abhängig. Dadurch kam der Region eine zentrale Rolle in der Weltwirtschaft zu, die jedoch häufig durch Differenzen zwischen den Erdöl fördernden Ländern bezüglich Preispolitik und Förderungsgrenzen geschwächt wurde (siehe Organisation Erdöl exportierender Länder). Nach 1945 konkurrierten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion mehr als vier Jahrzehnte lang um Einfluss in der Region, wobei die Vereinigten Staaten im Allgemeinen Israel unterstützten und die Sowjetunion bestimmte arabische Staaten förderte. Im Oktober 1991 beteiligten sich jedoch beide Großmächte an der Finanzierung der ersten umfassenden Konferenz für Frieden im Nahen Osten.
| 9. | Friedensprozess |
Im September 1993 erfuhr der arabisch-israelische Konflikt eine überraschende Wende: Der israelische Premierminister Itzhak Rabin und der Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) Jasir Arafat einigten sich auf die Unterzeichnung eines Friedensvertrags (siehe Oslo-Verträge), der einer begrenzten palästinensischen Selbstverwaltung in israelisch besetzten Gebieten im Westjordanland und im Gazastreifen den Weg ebnete. Im Mai 1994 wurde der Abzug israelischer Soldaten aus dem Gazastreifen und der Stadt Jericho im Westjordanland abgeschlossen. Zwei Monate später besuchte Arafat den Gazastreifen und betrat damit erstmals selbstverwaltetes Gebiet. Im Juli 1994 unterzeichneten Rabin und König Hussein von Jordanien ein Friedensabkommen, das die Grundlage für einen offiziellen Friedensvertrag bildete. Das Abkommen beinhaltet auch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder. 1995 wurden die Friedensgespräche mit Syrien wieder aufgenommen; im November desselben Jahres starb Rabin nach einem Attentat.
Im Januar 1996 wählten die Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen in ersten freien Wahlen einen Autonomierat, dem Jasir Arafat vorsteht. Der bei den israelischen Wahlen im Mai 1996 neu gewählte Premierminister Netanjahu bekräftigte zwar, dass er den Friedensprozess im Nahen Osten fortsetzen werde. Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre erfuhr allerdings durch die israelische Siedlungspolitik und den verzögerten Abzug israelischer Truppen aus den palästinensischen Autonomiegebieten einen schweren Rückschlag. Die Bemühungen um Frieden in der Region werden auch durch vereinzelte Anschläge palästinensischer Extremisten behindert.
Im Juli 1997 verkündete der Nahostbeauftragte der Europäischen Union (EU), Miguel Moratinos, nach Zusammenkünften mit dem syrischen Staatschef Hafis al Assad und Palästinenserpräsident Jasir Arafat, die grundsätzliche Bereitschaft Syriens, die vor einem Jahr abgebrochenen Friedensverhandlungen mit Israel wieder aufzunehmen. Für Beunruhigung sorgten die anhaltenden schweren Zusammenstöße zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten in Hebron im Westjordanland. Am 16. Juli stimmten auf Initiative der arabischen Staaten 131 Delegierte der UN-Vollversammlung für eine Resolution gegen die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten und Ostjerusalem. Israel und die USA stimmten gegen den Beschluss, zwölf weitere Staaten, darunter Deutschland als einziger von 15 EU-Staaten, enthielten sich.
Im Oktober 1998 schlossen die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu und die Palästinenser das Wye-Abkommen, in dem Israel den Abzug weiterer Truppen aus dem Westjordanland zusagte. Im Gegenzug für die Räumung besetzter Gebiete garantierten die Palästinenser Israel ein hartes Durchgreifen gegen militante Gruppen. Die Umsetzung des Abkommens verlief allerdings nur sehr zögerlich und wurde erst von der ab Juli 1999 amtierenden israelischen Regierung unter Ehud Barak wieder forciert. Außerdem nahm die Regierung Barak Ende 1999 Friedensverhandlungen mit Syrien auf, die allerdings bald wieder abgebrochen wurden, und im Mai 2000 zog Israel seine Truppen aus dem Südlibanon ab.
Im Sommer 2000 endeten die Friedensgespräche zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten und Palästinenserpräsident Jasir Arafat ergebnislos. Als Haupthindernis eines völkerrechtlichen Abkommens hatte sich der zukünftige Status Jerusalems erwiesen. Anfang September 2000 verschob die PLO die Proklamation eines unabhängigen Staates Palästina ein weiteres Mal auf unbestimmte Zeit, um den nach wie vor nicht beendeten, aber außerordentlich labilen Friedensprozess nicht zu gefährden.
Ende September 2000 brach die Intifada wieder aus, provoziert durch einen Besuch des Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Jerusalemer Tempelberg. Trotz der rasch zunehmenden Gewalt bemühten sich beide Seiten um eine Fortsetzung der Friedensverhandlungen; mit der Wahl von Ariel Sharon zum israelischen Ministerpräsidenten im Februar 2001 jedoch erfuhr der Friedensprozess im Nahen Osten einen empfindlichen Rückschlag und kam bald ganz zum Erliegen. Denn Sharon betrachtete weder die Oslo-Verträge noch die von der Regierung Barak erzielten Ergebnisse und Fortschritte im Nahostkonflikt als bindend. Die Gewalt nahm nun bald bisher nicht gekannte Dimensionen an: Auf palästinensische Anschläge folgten zum Teil unverhältnismäßige Angriffe Israels auf Einrichtungen der palästinensischen Sicherheitskräfte und der Autonomieverwaltung, aber auch auf zivile Ziele im Westjordanland und im Gazastreifen; zudem riegelte Israel immer wieder palästinensische Autonomiegebiete ab und besetzte sie vorübergehend oder auch längerfristig. International erfuhr der israelische Kurs der massiven Vergeltung scharfe Kritik; dennoch neigten die USA als der bisher einflussreichste Unterhändler im Nahostkonflikt mit Fortschreiten der blutigen Auseinandersetzungen mehr und mehr der israelischen Seite zu.
Angesichts dieser Spirale aus Gewalt und Gegengewalt erwiesen sich sämtliche internationale Vermittlungsversuche jeweils bald als hinfällig, zumal die israelische Regierung eine vollständige Waffenruhe zur Bedingung für die Wiederaufnahme von Verhandlungen mit den Palästinensern gemacht hatte, ihrerseits aber nichts unternahm, um die Gewaltspirale zu durchbrechen.