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| 2. | Geschichte und Entwicklung |
Im Gegensatz zur abendländischen Philosophie lassen sich nicht alle Phasen der indischen Philosophie historisch klar zuordnen: Viele Texte (etwa des Buddhismus) sind über den Indischen Subkontinent und andere asiatische Länder verstreut und lassen sich nicht ganz zusammenfügen. Die folgenden drei Epochen lassen sich grob voneinander unterscheiden: (1) die Veden, (2) Entstehung von Buddhismus, Jainismus und Materialismus, die sich von der vedischen Philosophie absetzten; (3) die Systeme der Brahmanen, die an die Veden anknüpfen.
| 1. | Die Veden |
Bei den Veden, den ältesten schriftlichen Zeugnissen der indischen Kultur, handelt es sich um Textsammlungen von Götterliedern, deren früheste literarische Schichten bereits 1500 v. Chr. entstanden. Die Veden sind von einer großen Zahl von vielfach anonymen Autoren zu verschiedenen Zeiten in Sanskrit und ursprünglich rein für den kultisch-magischen Gebrauch insbesondere für die Opferzeremonien verfasst worden. Vier Veden sind erhalten:
(1) Der Rigveda, der wichtigste und älteste Veden-Text, besteht aus 1 017 Hymnen (Suktas) mit insgesamt 10 600 Strophen. Der Gesamttext wird in acht Achtel (Astaka) mit jeweils acht Kapiteln (Adhyaya) bzw. volkstümlich in zehn so genannte Kreise (Mandala) unterteilt.
(2) Der Adhavaraveda ist vermutlich früher als der Rigveda entstanden, aber erst später zu einer Sammlung zusammengefügt worden; in ihn fließen viele religiös-magische Vorstellungen der indigenen Bevölkerung Indiens ein. (3) Der Samaveda enthält vor allem liturgische Vorschriften zur Durchführung der Opferzeremonien. (4) Der Yajurveda übernimmt viele Hymnen des Rigveda und gehört bereits jener Zeit an, als sich das Priestersystem zu einer festen Institution ausgebildet hatte.
Abgesehen von der Samaveda bei dem es sich um einen reinen rein liturgischen Veda handelt, besteht jeder Veda aus drei Teilen: (a) Einem dichterisch-hymnischen Teil zur Anrufung der Götter, den so genannten Mantren. Diese Mantren sind zugleich die älteste Textschicht und handeln von der Zeit, als die Indo-Arier am Indus zu siedeln begannen. In diesen mythologischen Dichtungen erscheint eine Unzahl von Göttern. Zwischen belebten und unbelebten Dingen wird ebenso wenig unterschieden wie zwischen Personen und Sachen oder Dingen und ihren Eigenschaften. Es gibt keine hierarchische Ordnung der Götter, wenngleich auch bestimmte Gottheiten wie Indra, der Götterkönig mit dem Blitz, Agni, der Feuergott, und Varuna, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der dem göttlichen Weltgesetz, der Rita, vorsteht, am häufigsten genannt werden.
(b) Bei der jeweils zweiten Textschicht (Brahmana) handelt es sich um die religiösen Vorschriften der Priester ( Brahmanen) aus der Zeit von etwa 1000 bis 750 v. Chr. Das Priesteramt ist nun erblich. In einigen Brahmanentexten deutet sich an, dass ein neuer Gott (Prajapati) als Hauptgott und Herr der Schöpfung vor allen andern Göttern verehrt wird. Die Welt wird als Resultat eines göttlichen Ausströmens begriffen. Hier finden sich bereits Vorstufen einer Reflexion auf das Denken (manas), auf Rede und Atem (prana), wobei dem Atmen in der indischen Tradition eine zentrale Rolle zukommt. Der Kern der individuellen Persönlichkeit, das Selbst, wird mit dem Begriff Atman bezeichnet. Die Außenwelt wird noch durch das alte heilige Vedenwort Brahman bezeichnet.
(c) Die älteren Upanishaden bilden den vergleichsweise spät (um 1000 bis 500 v. Chr.) entstandenen philosophischen Schlussteil der Veden. Für die weitere Entwicklung der indischen Philosophie sind sie von fundamentaler Bedeutung – stellen sich doch den Versuch dar, die Vielzahl der Götter dem einen Gott Brahman unterzuordnen. Entscheidend ist ferner, dass nun Atman und Brahman zusammenfallen. Ausgehend von der Frage nach dem Unterschied von Wachen und Schlafen wird das subjektive Selbst als vorrangig gegenüber der Außenwelt gedacht. Ohne Atman ist alle äußere Wirklichkeit, zu der u. a. Kunst, Welt, Wissen zählen, unwirklich. Von dieser Vorstellung rührt der Vorrang des Bewusstseins vor der Außenwelt, das für das indische Denken charakteristisch ist. Das ethische Ideal dieses Denkens liegt in der absoluten Selbstverwirklichung, die darin besteht, dass der Mensch in sich das Göttliche erkennt und sich von allem Ungöttlichen befreit. Zentrale Begriffe der Upanishaden sind die Wiedergeburt bzw. Seelenwanderung (samsara) und das Karma. Die Karma-Lehre (Sanskrit: Tat) besagt, dass jede Tat wie feinstäubige Materie ihre Spuren in der Existenz nach dem Tode hinterlässt. Durch das Karma ist einerseits alles durch seine frühere Existenz mitbestimmt, andererseits das Zukünftige vorbestimmt, so dass der ganze Weltlauf in einen unaufhörlichen Kausalzusammenhang gestellt ist.
| 2. | Buddhismus, Jainismus, Materialismus |
Im 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden mit Materialismus, Jainismus und Buddhismus die so genannten „unorthodoxen Systeme”, die die vorherrschenden Lehren der Veden und insbesondere die Autorität der Priesterschicht nicht anerkannten.
Sehr stark setzten sich die Materialisten (Lokayatika; Sanskrit lokayata: die materielle Welt) von den Veden ab. Sie lehrten, dass das Leben mit dem Tod ende und nur das Sichtbare (Erde, Wasser, Feuer, Luft) von Bedeutung sei. Was nicht wahrgenommen werden könne, existiere auch nicht. Das Denken wird als Funktion des Gehirns begriffen. Ohne Körper gäbe es keine Seele. Die Existenz von Göttern wird in Frage gestellt und die moralischen Gesetze auf den Menschen zurückgeführt. Ethisch vertreten die Materialisten einen Hedonismus. Als geistiger Kopf des Materialismus gilt Canakya bzw. Kautilya, von dem jedoch keine Schriften überliefert sind.
Auch der Jainismus lehnt die Autorität der Veden ab. Die in Prakrit-Schrift verfasste Lehre geht davon aus, dass sich das Geistige und das Ungeistige gegenüberstehen. Alles Stoffliche sei beseelt und den fünf Kategorien Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit zuzuordnen. Ihr ethisches Ideal ist die Bedürfnislosigkeit. Der Jainismus hat wegen seiner strengen asketischen Regeln nie besonders viele Anhänger gefunden, wird aber bis heute in Indien hoch geachtet.
Der Buddhismus lehnt ebenfalls die Götter der vedischen Religion ab. Er lehrt die vier edlen Wahrheiten und den heiligen achtfachen Pfad, der zur Aufhebung der Ursachen des Leidens führt. Der Buddhismus hat Indien bis ins 12. Jahrhundert n. Chr. stark geprägt, ist dann mit der islamischen Eroberung in Indien selbst fast völlig verschwunden.
| 3. | Die Systeme |
In den jüngeren Upanishaden, die um 500 v. Chr. entstanden, wird die Tradition der Veden fortgeführt. Hieraus gingen die sechs orthodoxen Systeme (darshanas) der indischen Philosophie hervor. Die sechs Darshanas sind inhaltlich zum Teil eng miteinander verbunden:
Im Zentrum der Mimansa (Sanskrit: Erörterung), die mit Panini und Jaimini im 3. Jahrhundert n. Chr. beginnt, steht die Kommentierung der Veden, die für ewig gehalten werden. Der spätere Philosoph Kumarila, der im 8. Jahrhundert n. Chr. lebte, entwarf ein System, in dessen Zentrum eine Linguistik stand, die zur Deutung der Veden diente.
Der Vedanta hat die Upanishaden, die Brahmasutren und die Bhagavadgita zur Grundlage. Letztere lehrt drei Wege der Erlösung (moska): den Weg der Tat (karma), den Weg der Frömmigkeit (bhakti) und den Weg des Wissens (jnana). Der bedeutendste Philosoph des Vedanta ist Shankara, einer der wichtigsten indischen Philosophen überhaupt, der die Lehre von der Maya weiterentwickelte. Die zentrale Aussage seiner Philosophie kommt in dem Satz zum Ausdruck, dass das Wirkliche dasjenige wäre, dessen Negation unmöglich sei.
Im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand das philosophische System Samkhya (Sanskrit: Zahl, Aufzählung) das einen Versuch darstellt, die Grundprinzipien der Welt nach der Zahl zu bestimmen. Waren anfangs noch zwei Prinzipien 6ndash; purusha, alles Geistige, und prakriti: alles Naturhafte – bestimmend, so wurde seit dem 15. Jahrhundert eine unterschiedliche Auffassung vertreten: Das Selbst wird von Citta (Denken) unterschieden.
Im 2. Jahrhundert n. Chr. verfasste Patanjali ein umfangreichen Regelwerk, das Yogasutra, in dem er Yoga als philosophisch-religöses System darstellt und eine Anleitung zur Meditation enthält. Diese zielen darauf ab, durch die Aufhebung der Denkfunktionen (citta) und das Freiwerden von der Materie (kaivalya) zur Selbstvervollkommnung zu gelangen, die in der Harmonisierung von Körper, Geist und Seele besteht.
Ebenfalls im 2. Jahrhundert entstand Nyaya (Sanskrit: Grundsatz, Argument, Richtschnur), bei dem es sich um ein System der Logik handelt. Das Grundwerk des Nyaya geht auf die Sutren des Akshapada zurück und erreichte den Höhepunkt seiner Verbreitung im 10. Jahrhundert n. Chr. unter Udayana. Der Nyaya entwickelt eine eigene Syllogistik, eine Ursachenlehre und eine Metaphysik.
Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstand Vaisheshika (Sanskrit: sich auf die Unterschiede beziehen), das zu einem der orthodoxen philosophischen Systeme der indischen Philosophie gehört. Es wurde von Kanada entwickelt und im Vaisheshika-Sutra dargestellt. Das Vaisheshika, das eine naturphilosophische Ergänzung des Nyaya ist, verschmolz nach dem 9. Jahrhundert n. Chr. zum so genannten Nyaya-Vaisheshika. Dies bildete eine rationale Schlusslehre sowie ein allgemeines Kategoriensystem der Erkenntnis (Substanz, Qualität, Tätigkeit, Bewegung, Allgemeinbegriff, Besonderheit, Inhärenz und Negation) aus. Ferner vertritt sie eine Atomistik, wonach die Welt aus kleinen, nicht weiter teilbaren Teilen besteht (siehe Atomisten), wobei die Gesamtordnung einerseits aus dem Karma, anderseits aus der allgemeinen Weltseele hergeleitet wird.