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| 4. | 20. Jahrhundert: Pluralität der Methoden |
1. Textphilologie: Mit dem Verfahren der Textkritik versucht die Textphilologie, etwa bei überlieferten mittelalterlichen Schriften, authentische Texte zu gewinnen, Verfälschungen zu beseitigen und die daran ersichtlichen unterschiedlichen Lesarten zu bewerten. Auch die Frage nach der ungesicherten Autorenschaft fällt in ihren Interessenbereich. Die Editionstechnik liefert die wissenschaftlichen Mittel, um zuverlässige Ausgaben der Werke herzustellen.
2. Hermeneutik: Als Kunst der Auslegung oder Interpretation von Texten reicht die Hermeneutik zurück bis in die griechische Antike. Jedoch gilt der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher allgemein als Begründer der neuen Hermeneutik, die er als„Kunstlehre des Verstehens” definierte. „Die Gesamtheit der Sprache” und das „Denken ihres Urhebers” waren ihm Gegenstände der Untersuchung. Dabei galt der Akt des Verstehens als „Nachkonstruktion” der ursprünglichen Autorenintention. Wilhelm Dilthey entwickelte diese Ansätze weiter. 1960 erschien dann das durch Martin Heideggers Philosophie angeregte Hauptwerk der Hermeneutik: Wahrheit und Methode von Hans-Georg Gadamer. Gegen Gadamer gerichtet, forderte Jürgen Habermas eine Tiefenhermeneutik, die auch die vom Autoren nicht bewusst angelegten Spuren des Textes entziffern solle. Ebenfalls von Heidegger beeinflusst war Emil Staigers Kunst der Interpretation (1955), die von Diltheys Gedanken eines zeitlos-vollkommenen „Sprachdenkmals” ausging.
3. Literatursoziologie: Sie erhielt Anregungen von der neomarxistischen Philosophie (Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Georg Lukács usw.) wie auch von der empirischen Sozialforschung. Sie untersucht umfassend die Beziehungen von Literatur und Gesellschaft: Die soziale Situation des Autors, die Interessen des Lesepublikums, die Bedingungen der Buchproduktion und des Buchmarktes sind ihr Gegenstandsbereich. In Adornos Noten zur Literatur (1958 ff.) etwa wird gezeigt, wie gesellschaftliche Strukturen die Ästhetik einzelner Werke bestimmen können.
4. Psychoanalytische Literaturwissenschaft: Sie definiert Literatur als bewussten und – vor allem – unbewussten Ausdruck der Psyche ihres Verfassers. Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) dient dabei als zentrales Orientierungsmodell zur Deutung literarischer Phantasie.
5. Werkimmanente Interpretation und New Criticism: Als Reaktion auf soziologische, psychologische bzw. historistische Betrachtungsweisen entstanden nach 1945 in Europa und den USA Interpretationsmethoden, die sich ausschließlich auf den literarischen Text konzentrierten („close reading”).
6. Formalismus: Wie die werkimmanenten Interpretationsweisen lehnt der (russische) Formalismus die biographischen, soziologischen oder psychologischen Methoden ab und sieht das literarische Werk als „Summe aller darin angewandten stilistischen Mittel” (Wiktor Schklowskij). Die Formanalyse konzentriert sich auf Laut, Klang, Rhythmus, Stil usw. der Sprache. Der Formalismus, der in Moskau und Petersburg um 1915 entstand, beeinflusste sowohl den amerikanischen New Criticism wie auch die Prager Schule des Strukturalismus.
7. Strukturalismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion: Die Theorie des Strukturalismus hat ihren Ursprung in den sprachwissenschaftlichen Arbeiten Ferdinand de Saussures. Sie wurde in den zwanziger Jahren in der Linguistik weiterentwickelt und in den sechziger Jahren vor allem in Frankreich zu einer weit reichenden Philosophie ausgebaut. In der strukturalistischen Literaturwissenschaft wird der Begriff der Struktur als Anordnung sprachlicher Elemente zu einem System auf die Analyse von Gattungen, Epochen und Einzelwerken genutzt. In der aktuellen, vom Poststrukturalismus geprägten Diskussion sind die Untersuchungen des Literaturwissenschaftlers Roland Barthes, des Psychoanalytikers Jacques Lacan und des Philosophen Jacques Derrida einflussreich, der in seiner Grammatologie (1967) den Begriff der Dekonstruktion entwickelte: Texte werden nicht länger als einheitlich verstanden. Von Widersprüchen und Bruchstellen aus sollen sie folglich„gegen sich selbst” gelesen werden. Der Begriff Dekonstruktion ist in den letzten Jahren ins Zentrum der auf die Mikrostrukturen der Texte gerichteten Diskurstheorie gerückt.
8. Rezeptionsästhetik: Als Weiterentwicklung der Hermeneutik Gadamers entwickelten der Romanist Hans Robert Jauß und der Anglist Wolfgang Iser das Konzept einer Literaturgeschichte des Lesers. Untersucht wird die Appellstruktur der Texte, und zwar im Kontext eines „Erwartungshorizonts” des Rezipienten.
9. Komparatistik: Die vergleichende Literaturwissenschaft sucht durch den Vergleich der Nationalliteraturen, Einsichten in die Stoff- und Motivgeschichte, die Form- und Gattungsentwicklung sowie in die internationalen Stilströmungen zu gewinnen. Ein Ausgangspunkt dieser Forschung war Goethes Begriff der Weltliteratur.