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Nationalstaat

Nationalstaat, ein Staat, in dem alle Angehörigen einer Nation (gemeinsame Merkmale z. B.: Abstammung, Sprache, Religion, Kultur, Geschichte) zusammenleben, im Gegensatz zu dem aus mehreren Nationen bestehenden Vielvölkerstaat (Nationalitätenstaat).

Die Nationalstaatsbewegung im frühen 19. Jahrhundert hoffte, mit der Errichtung von Nationalstaaten freiheitliche, demokratische Verfassungsstaaten zu schaffen. Sie richtete sich gegen die Ordnung des Wiener Kongresses für Europa, da die Trennung von Kulturnationen in verschiedene Staaten als unnatürlich empfunden wurde. Dem multinationalen Staat, geführt von einer dynastischen Regierung, wurde die Legitimität abgesprochen. Die Gliederung der Gesellschaft in Stände sollte abgelöst werden durch ein Staatswesen mit politisch gleichberechtigten Bürgern. Aber die Nationalstaaten entwickelten sich nicht immer in diese Richtung, manche erhielten nicht demokratische, sondern monarchische oder diktatorische Regierungen. Auch das Ziel, alle Angehörigen einer Nation in einem Staat zusammenzufassen, wurde oft nur unvollkommen erreicht.

Die europäische Nationalstaatsbildung vollzog sich in mehreren Etappen. Die westeuropäischen Nationalstaaten Frankreich, Spanien und Großbritannien hatten sich durch jahrhundertelange politische Tradition und innerstaatliche Revolutionen bereits im 18. Jahrhundert herausgebildet. Dennoch handelt es sich nicht im engeren Sinne um Nationalstaaten, da sich die Bevölkerung einiger Regionen (Waliser, Schotten, Bretonen, Korsen, Basken) als eigene Nation empfand. Die Nationalstaaten Mitteleuropas, Deutschland und Italien, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Zusammenschluss von Teilstaaten (Einheitsbewegungen), in denen die Angehörigen einer sich als zusammengehörig empfindenden Kulturnation lebten. Gegen Ende des 1. Weltkrieges zerfielen die multinationalen Großreiche in Osteuropa (Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich) und schufen somit die Grundlage für die Entstehung einer Reihe von Nationalstaaten (Finnland, Griechenland).

Auch außerhalb Europas versuchte man, Nationalstaaten zu errichten. Alle im Prozess der Dekolonisation entstandenen Staaten berufen sich auf das Prinzip des Nationalstaats, ohne seiner Definition gerecht zu werden. Die Grenzen der neuen Staaten, besonders in Afrika, gehen auf die Grenzen der europäischen Kolonialreiche zurück und berücksichtigen nicht die traditionelle Zusammengehörigkeit der Bevölkerung in Stammesstrukturen. Angesichts der oftmals aggressiven Ausprägung des Nationalismus im Europa des 20. Jahrhunderts und neuer, globaler Probleme wie Umweltzerstörung und Wirtschaftskrisen gibt es Bestrebungen, das Nationalstaatsprinzip durch die Gründung von internationalen Organisationen (z. B. der Europäischen Union) zu ersetzen.