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| 2. | Geschichte |
| 1. | Ältere Ansätze |
Sprachforschung gab es in allen Hochkulturen, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wurden. Ohne sprachwissenschaftliche Kenntnisse ist die Vermittlung dieser Technik nicht möglich. Systematisch muss Sprachwissenschaft betrieben werden, wenn Fremdsprachen in Schulen gelehrt werden: Die ersten Grammatiken, die uns überliefert sind, stammen aus Indien (6. Jahrhundert v. Chr.) und behandeln das Sanskrit, die heilige Sprache der Inder. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. untersuchte und beschrieb der indische Grammatiker Panini die Laute und Wörter des Sanskrit. Die historische Beschäftigung mit Sprache in unserem heutigen Sinne entstand im 19. Jahrhundert, nachdem die Verwandtschaft des Altindischen mit den europäischen Sprachen entdeckt worden war. Vom Altertum bis ins 19. Jahrhundert war der philologische Ansatz in der Linguistik vorherrschend. Später führten die Griechen und Römer das Konzept der grammatischen Kategorien ein, ohne jedoch eine vergleichende Komponente miteinzubeziehen.
Der Vergleich von Sprachen wurde Jahrhunderte später mit der Erfindung des Buchdruckes, der Übersetzung der Bibel in viele Sprachen und der nachfolgenden Entwicklung der literarischen Produktion möglich. Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Theorie, dass die europäischen, asiatischen und ägyptischen Sprachen eine gemeinsame Stammsprache haben könnten. Die Theorie war der Ausgangspunkt für die Entstehung der vergleichenden Philologie oder komparativen Linguistik.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erkannte der englische Gelehrte Sir William Jones, dass das Sanskrit Ähnlichkeiten mit dem Griechischen und Lateinischen aufweist. Er vermutete, dass diese drei Sprachen aus einer gemeinsamen Quelle entstanden sein könnten. Die Sprachgelehrten des frühen 19. Jahrhunderts entwickelten diese Hypothese weiter. Der deutsche Philologe Jacob Grimm und der dänische Philologe Rasmus Christian Rask stellten fest, dass immer dann, wenn die Laute einer Sprache ähnlichen Lauten verwandter Wörter einer anderen Sprache nach einem bestimmten Muster entsprachen, diese Entsprechungen gleich bleibend waren. Der Anfangslaut im Lateinischen pater („Vater”) und pes („Fuß”) entspricht gesetzmäßig dem Englischen father und foot. Siehe auch Grimm’sches Gesetz
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lautentsprechungen ausführlich untersucht worden. Eine Gruppe europäischer Sprachgelehrter, die Junggrammatiker, stellten die Theorie auf, dass die Lautentsprechungen zwischen verwandten Sprachen nicht nur gesetzmäßig auftreten, sondern dass jede Ausnahme dieser phonetischen Regel sich nur durch Entlehnungen aus anderen Sprachen (oder durch eine zusätzliche gesetzmäßige Regel des Lautwandels) entwickeln konnte.
Diese Methode, verwandte Wörter in verschiedenen Sprachen zu vergleichen, um die Gesetzmäßigkeit des Lautwandels nachzuweisen, wurde als historisch-vergleichende Methode bekannt. Sie diente dem Erkennen von Sprachfamilien, d. h. Gruppen von verwandten Sprachen. Mit diesem Verfahren postulierten die Sprachwissenschaftler eine indogermanische Sprachfamilie, die sich aus zahlreichen Unterfamilien oder Sprachzweigen zusammensetzt. Zur indogermanischen Sprachfamilie gehören z. B. Englisch und Deutsch, beides germanische Sprachen.
Die Beschreibung gesetzmäßiger Lautentsprechungen ermöglichte es auch, die unterschiedlichen Formen einer Sprache, die in verschiedenen Gegenden und von verschiedenen Gruppen von Menschen gesprochen wurden, zu vergleichen. Dieses Fachgebiet heißt Dialektologie. Es beschäftigt sich mit den Unterschieden in der Lautstruktur, dem grammatischen Aufbau, dem Wortschatz oder gleichzeitig mit allen drei Aspekten.
| 2. | Neuere Ansätze |
Die Linguistik hat sich im 20. Jahrhundert in verschiedene Richtungen entwickelt.
| 2.1. | Deskriptive und strukturelle Linguistik |
In der deskriptiven Linguistik sammeln die Sprachwissenschaftler Material von Muttersprachlern und analysieren die Bestandteile dieser Sprache, indem sie das Material den einzelnen hierarchischen Ebenen der Sprache zuordnen: Phonologie, Morphologie und Syntax. Diese Art der Analyse wurde vom deutschamerikanischen Anthropologen Franz Boas und dem amerikanischen Anthropologen und Linguisten Edward Sapir neu entwickelt, als sie vor dem Problem standen, bisher nicht aufgezeichnete amerikanische Indianersprachen beschreiben zu müssen. Sie stellten die eingeführten Methoden und Verfahren der auf geschriebenen Texten beruhenden linguistischen Beschreibung in Frage und entwickelten eigene Methoden, um die unterscheidenden oder sinnvollen Laute einer Sprache und die kleinsten Einheiten von bedeutungstragenden Lautverbindungen (z. B. Wortwurzeln und Affixe) zu finden.
Der amerikanische Linguist Leonard Bloomfield befürwortete aufbauend auf den Arbeiten deskriptiver Linguisten wie Boas und Sapir eine behavioristische Sprachanalyse, die semantische Erwägungen weitestgehend vermeidet. Er maß den Verfahren zur Entdeckung der Laut- und Grammatikstrukturen von nicht aufgezeichneten Sprachen besondere Bedeutung zu. Systeme der Sprachanalyse wie das von Bloomfield werden als strukturalistisch bezeichnet.
Während sich der amerikanische Strukturalismus mit den Äußerungen der Rede beschäftigte, betonte der europäische Strukturalismus die der Sprache zugrunde liegende, abstrakte Struktur, die sich von den tatsächlichen Äußerungen der Sprache unterscheidet. Dieser Ansatz begann 1916 mit dem posthum veröffentlichten Werk des schweizerischen Linguisten Ferdinand de Saussure. Saussure unterschied zwischen den Konzepten der langue (französisch für „Sprache”) und der parole („Rede”). Mit langue bezeichnete er das den Sprechern einer Sprache gemeinsame Wissen über die korrekte Grammatik dieser Sprache (Sprachsystem). Parole bezieht sich auf die tatsächlichen Äußerungen in einer Sprache.
| 2.2. | Die Prager Schule |
In den dreißiger Jahren gingen die Vertreter einer anderen Form der Linguistik in Prag über die Sprachstruktur hinaus und versuchten, die Beziehung zwischen Rede und Kontext zu erklären. Die Linguisten der Prager Schule legten besonderen Wert auf die Funktion der Sprachelemente und betonten, dass eine Sprachbeschreibung auch etwas darüber aussagen muss, wie die Inhalte vermittelt werden. Das von Nikolaj Trubezkoj für die Phonologie entwickelte Konzept der distinktiven Merkmale, das die Phoneme als die kleinsten bedeutungsdifferenzierenden Einheiten einer Sprache definiert, gilt als bahnbrechende Leistung auf dem Gebiet der Phonologie.
| 2.3. | Generative Transformationsgrammatik |
In der Mitte des 20. Jahrhunderts stellte der amerikanische Linguist Noam Chomsky die These auf, dass Linguistik mehr sein sollte als die Beschreibung der Sprachstruktur. Sie sollte eine Erklärung dafür liefern, wie Sätze in allen Sprachen gedeutet und verstanden werden. Er nahm an, dass sich dieser Prozess durch eine Universalgrammatik der menschlichen Sprache (d. h. ein Modell oder eine Theorie des Sprachwissens oder der Kompetenz) erklären lässt. Mit Kompetenz ist das angeborene, oft unterbewusste Wissen gemeint, das es dem Menschen ermöglicht, Sätze zu erzeugen und zu verstehen, von denen er viele zuvor nicht kannte. Ein sprachanalytisches System, das es erlaubt, alle grammatisch richtigen Sätze einer Sprache zu generieren (erzeugen) und ungrammatische (falsche) Konstruktionen nicht zulässt, nennt man eine generative Grammatik.
Nach Chomsky gibt es zusätzlich zu den Regeln einer Universalgrammatik die Regeln der Einzelsprachen. Die einzelnen Sprachen verwenden sowohl universelle als auch einzelsprachliche Regeln. Diese ermöglichen es, dass Satzelemente auf verschiedene Art angeordnet werden können (z. B. „Maria warf den Ball” und „Der Ball wurde von Maria geworfen”). Eine Grammatik, die zur Erzeugung von Sätzen grundlegende semantische Einheiten zu Einheiten in einer wiedererkennbaren und verständlichen Reihenfolge umformt (transformiert), nennt man Transformationsgrammatik. Eine generative Transformationsgrammatik ist daher eine Grammatik, die zur Generierung aller grammatischen Sätze einer Sprache Regeln, so genannte Transformationen, verwendet, um die Basiselemente einer Sprache in das umzuformen, was ein Sprecher tatsächlich sagt.
| 2.4. | Moderne komparative Linguistik |
Im 20. Jahrhundert versuchte die komparative Linguistik, Sprachfamilien in Gebieten wie Nord- und Südamerika, Neuguinea und Afrika zu erarbeiten. In diesen Gegenden ist es erst seit kurzem möglich, die enormen Mengen an Material zu sammeln, die nötig sind, um die früheren Sprachstufen heutiger Sprachen zu rekonstruieren und die Verwandtschaftsverhältnisse aufzudecken. Die komparative Linguistik sucht heute auch nach linguistischen Universalien. Das Interesse an den typologischen Kennzeichen aller Sprachen ist neu erwacht. Linguisten vergleichen die Sprachen heute anhand ihrer syntaktischen Strukturen und grammatischen Kategorien (wie Sprachen mit Sexus- oder Nominalklassen-Systemen und Nominativ- oder Ergativsprachen). Im Rahmen des Language Universals Project der Universität Stanford haben beispielsweise der amerikanische Linguist Joseph Greenberg und seine Kollegen gezeigt, dass Sprachen mit einer gemeinsamen grundlegenden Wortstellung (wie Subjekt-Prädikat-Objekt oder Objekt-Prädikat-Subjekt oder Objekt-Subjekt-Prädikat) auch andere Kennzeichen oder Strukturen gemeinsam haben. Mit dieser vergleichenden Forschung versucht man, die Bandbreite der möglichen Laut-, Struktur- und Semantiksysteme der Sprachen der Welt zu entdecken.