Esoterik
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Esoterik
4. Esoterik als Oberbegriff für spirituelle Aufbrüche in der Gegenwart

Ohnmacht angesichts der politisch-gesellschaftlichen Krisen bzw. der als übermächtig erfahrenen technischen Rationalität, Unzufriedenheit mit den liturgisch-seelsorgerischen Angeboten der Großkirchen, Wünsche nach ganzheitlicher Gesundheits- und Lebenshilfe, Sehnsucht nach erweiterter Wahrnehmungsfähigkeit, nach dem Aufgehen ins kosmische All-Eins: Aus solchen Motiven speist sich der neuere Boom jener – unter dem Oberbegriff „Esoterik” zusammengefassten – Richtungen, die auf das Übersinnliche ausgerichtet sind und an unterschiedliche Traditionen und Praktiken anknüpfen. Einen weltweiten Aufschwung erlebten sie in der New-Age-Bewegung, die seit den späten sechziger Jahren von den USA ausging; diese verbindet mit dem ausgehenden Fische-Zeitalter (astrologische Messeinheit von circa 2000 Jahren, die von der Veränderung des Erdachse-Winkels im Vergleich zur Sonnenumlaufbahn ausgeht) die Aussicht auf ein neues kosmisches Bewusstsein im Wassermann-Zeitalter.

Die Anhängerschaft esoterischer Traditionen stammt überwiegend aus dem Bildungsbürgertum; das umfangreiche Schrifttum wird in (Spezial-)Buchhandlungen verbreitet. Umfragen erweisen die allgemeine Attraktivität esoterischer Vorstellungen: 1996 glaubt so fast jeder zweite Deutsche, dass „unser Leben durch fernöstliche Weisheiten oder Meditationstechniken bereichert werden kann”. 1995 betrug im deutschsprachigen Raum die Gesamtauflage monatlich bzw. vierteljährlich erscheinender Esoterik-Magazine mehr als 2,9 Millionen. Esoterische Praktiken werden in einer großen Zahl von Seminaren geübt. Neben der mechanistischen Übernahme leicht vollziehbarer Praktiken gibt es durchaus ernsthafte Anknüpfungen an Traditionen und Techniken des Übersinnlichen und ganzheitlicher Heilmethoden u. a. an die altindische Ayurveda-Medizin und Yoga. Die Reaktionen der Großkirchen liegen zwischen Rezeption und Verurteilung ihrer eigenen durchgehenden, oft hart bekämpften esoterischen Traditionen. So gibt es z. B. eine Neubesinnung auf die gnostisch-esoterischen Gruppierungen im frühen Christentum. Einseitig kausalmechanistische Orientierungen heutiger Wissenschaften und deren rational-begriffliches Denken werden durch esoterische Vorstellungen einer übersinnlichen Wirklichkeit und kosmischer Zusammenhänge wenn nicht erschüttert, so doch zumindest relativiert.