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| 1. | Einleitung |
Morphologie, auch Formenlehre oder Morphemik, (griechisch morphē: Form, Gestalt), Gebiet der Sprachwissenschaft, das sich mit der Erforschung der Struktur von Wörtern und der Wortbildung befasst. Innerhalb der Morphologie werden zwei Bereiche unterschieden: Flexion und Derivation. Man spricht dabei auch von Flexions- und Derivationsmorphologie.
Der Begriff „Morphologie” wurde 1859 erstmals von August Schleicher von der Botanik auf die Sprachwissenschaft übertragen. In den Naturwissenschaften versteht man unter Morphologie ganz allgemein die Lehre von der Form und der Struktur lebender Organismen. Im Bereich der Sprachwissenschaft geht es um die Struktur und Form von Wörtern.
| 2. | Struktur der Wörter |
Ausgangspunkt der Morphologie ist das Wort und seine Zerlegbarkeit. Ein Wort lässt sich in seine lautlichen Bestandteile (Phoneme) zerlegen. Phoneme sind dabei die kleinsten bedeutungsunterscheidenden (distinktiven) Merkmale. Mit den Phonemen beschäftigt sich die Phonologie. Die Morphologie hingegen zerlegt Wörter in bedeutungstragende und nicht bedeutungstragende Elemente.
Das Wort Zitronengeschmackpulver z. B. lässt sich in drei Morpheme aufspalten, die zugleich wieder Wörter sind: Zitrone-n, Geschmack und Pulver. Dabei trägt Zitrone zusätzlich das Pluralmorphem -n. Das Wort Unfreundlichkeit hingegen lässt sich zerlegen in un- (ein Präfix, das eine Negation zum Ausdruck bringt), Freund- (Wortstamm), -lich (Suffix, das eine Eigenschaft markiert) und -keit (Suffix, das einen Zustand oder eine Eigenschaft benennt).
Die kleinsten bedeutungstragenden Elemente, in die ein Wort zerlegt werden kann, nennt man Morpheme. Die Morphologie analysiert und beschreibt, wie diese Morpheme aussehen und welche Funktionen sie im Einzelnen haben. Wie bereits am Beispiel Unfreundlichkeit zu sehen, gibt es so genannte freie Morpheme, die für sich wiederum ein eigenständiges Wort sind wie z. B. freundlich oder Freund, aber auch so genannte gebundene Morpheme, die zwar eine grammatische Funktion haben, aber kein eigenständiges Wort sind. Besonders in agglutinierenden Sprachen (siehe Sprachtypologie) finden sich zahlreiche gebundene Morpheme, die in der Regel eine grammatische Funktion ausüben.
| 3. | Flexion |
Innerhalb der Flexionsmorphologie betrachtet man, wie Wörter abgewandelt, also flektiert werden. In älteren Grammatiken nennt man diesen Zweig der Morphologie auch Formenlehre. Haus und Häuser sind so z. B. zwei Formen des Wortes Haus. Die Flexion richtet sich in diesem Fall nach dem Numerus, also einmal Singular und einmal Plural. Mit Hilfe der Flexionsmorphologie bzw. Flexionsmorpheme, die in der Regel gebundene Morpheme sind, können in vielen Sprachen folgende grammatikalische Kategorien zum Ausdruck gebracht werden: Aspekt, Genus, Genus verbi, Kasus, Modus, Numerus, Person und Tempus. In agglutinierenden Sprachen entspricht dabei ein Morphem einer grammatikalischen Kategorie, in flektierenden Sprachen übernimmt ein Morphem häufig mehrere Aufgaben. Das Morphem -st in singst markiert Genus verbi aktiv, Numerus Singular, 2. Person.
Zum Bereich der Flexionsmorphologie zählt im Deutschen auch die Komparation der Adjektive, also z. B. nett (Positiv, Grundstufe), nett-er (Komparativ) und am nett-esten (Superlativ). Auch in den Sprachen, die über Morphologie verfügen (keine Morphologie haben z. B. isolierende Sprachen), sind lediglich bestimmte Wortklassen morphologisch veränderbar: Dazu gehören meist Nomen, Adjektiv und Verb und in manchen Sprachen auch Pronomen und Numerale. Präpositionen, Konjunktionen und Interjektionen sind nicht flektierbar.
| 4. | Formen der Abwandlung |
Die einzelnen Typen der Abwandlung werden im Allgemeinen als Flexionsparadigmen oder Flexionsklassen bezeichnet. Das Flexionsparadigma des deutschen Verbs beispielsweise besteht aus 144 verschiedenen Flexionsformen (Tempus, Person, Numerus, Modus etc.). Die morphologische Abwandlung erfolgt in der Regel durch unterschiedliche Mechanismen. Dazu gehören:
1.) Veränderung des Stammes (Stammflexion): Bei der Stammflexion werden alle Formen des Paradigmas vom Stamm aus gebildet, z. B. hüpf-en hüpf-te ge-hüpf-t. Im Deutschen werden Verben in der Regel mit Stammflexion konjugiert. Hier kommt es jedoch auch zu Ablautphänomenen, wie z. B. in singen – sang – gesungen.
2.) Veränderung der Grundform (Grundformflexion): Bei der Grundformflexion hingegen werden die Formen des Paradigmas von der Grundform aus gebildet, z. B. klein: -e, -er, -ste oder Pferd: -e, -en, -es. Im Deutschen werden Nomina und Adjektive in der Regel mit Grundformflexion dekliniert. Hier kann es zu Umlautphänomenen kommen, z. B. Baum – Bäume.
| 5. | Derivation |
Derivation, auch Ableitung genannt, ist eine der vier grundlegenden Typen der Wortbildung (neben Komposition, Konversion und Kürzung). Dabei umfasst der Begriff Derivation sowohl den eigentlichen Prozess als auch das Ergebnis dieser Wortbildungsform. Bei der Derivation entsteht durch Veränderung eines Wortes ein neues Wort mit eigenen grammatikalischen Eigenschaften. Häufig gehört das neu entstandene Wort einer anderen Wortklasse an.
Die Veränderung geschieht mit Hilfe von Affixen, die an den Stamm angehängt werden. Im Deutschen sind dies Präfixe und Suffixe, in anderen Sprachen können auch Infixe und Zirkumfixe der Wortbildung dienen.
Präfigierung: Präfixe wie un-, ab-, um-, be- etc. (z. B. schön → unschön, waschen → abwaschen, bauen → umbauen, werben → bewerben). Suffigierung: Suffixe wie -bar, -lich, -sam, -ung, -keit, -ig etc. (z. B. Wunder → wunderbar, Einheit → einheitlich, schweigen → schweigsam, bewerten → Bewertung, freundlich → Freundlichkeit, Schmutz → schmutzig). Derivation ist ein rekursiver Prozess, d. h., ein durch Derivation gebildetes Wort kann immer wieder auch Basis für eine weitere Derivation sein (z. B. Schmutz → schmutz-ig → ver-schmutz-en → Ver-schmutz-ung).