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Evolutionismus

Evolutionismus (lateinisch evolutio: Entwicklung), in der Ethnologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschender theoretischer Ansatz. Die Anhänger des Evolutionismus gingen davon aus, dass alle Kulturen verschiedene Stadien der gleichen, unilinear verlaufenden Entwicklung durchleben, die nach bestimmten, vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten, von einfachen Strukturen hin zu komplizierten Systemen, verläuft. Dabei wurden die Kulturen der nichtindustriellen Gesellschaften als Frühstadien eines allgemein nachweisbaren Entwicklungsschemas aufgefasst, das in der modernen westlichen Gesellschaft gipfelt. Die Vertreter des Evolutionismus versuchten, eine Natur und menschliche Gesellschaft umfassende Einheitswissenschaft zu schaffen, die sich auf das allgemeine Grundprinzip Entwicklung zurückführen ließe. In ihrem Bestreben, das religiöse Weltbild ihrer Zeit, in dem alles durch den göttlichen Schöpfungswillen festgelegt schien, zu überwinden, waren sie stark vom Gedankengut der Aufklärung beeinflusst. Im Zeitalter des Imperialismus dienten ihre Theorien aber im starken Maß der Rechtfertigung von kolonialer Herrschaft und Zwangsmissionierung.

Die einflussreichste Theorie erarbeitete in den USA Lewis Henry Morgan (1818-1881) in seinem Werk Die Urgesellschaft (1877): Nach Morgan umfassten die verschiedenen Stadien der Kulturentwicklung Wildheit (savagery), Barbarei (barbary) und Zivilisation (civilization). Jedes Stadium war in verschiedene Stufen unterteilt, die durch wichtige technische Erfindungen, unterschiedliche soziale Entwicklungen sowie unterschiedliche Eigentumsideen bestimmt wurden. In Europa beeinflusste Morgan Karl Marx und Friedrich Engels (Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats, 1884). Weitere wichtige Vertreter des „klassischen” Evolutionismus waren Johann Jakob Bachofen (Das Mutterrecht, 1861), Sir Henry Maine (Ancient Law, 1861), Sir James George Frazer (The Golden Bough, 1890; Der goldene Zweig, 1928) und Sir Edward Burnett Tylor (Primitive Culture, 1871). Im 20. Jahrhundert wurde der Evolutionismus seitens der Diffusionisten aufgrund seiner pseudohistorischen Geschichtsschreibung kritisiert und von den Kulturrelativisten aufgrund seiner ethnozentrischen Kulturbeschreibung abgelehnt. Nach dem 2. Weltkrieg begann unter den so genannten Neo-Evolutionisten Leslie White und dem Wegbereiter der Kulturökologie, Julian Steward, eine neue Auseinandersetzung mit dem Evolutionismus. Siehe Herbert Spencer; Wilhelm Max Wundt