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Informationsgesellschaft, technologisch hoch entwickelte Industriegesellschaft, deren sozialer Zusammenhang nicht mehr in erster Linie von materieller Produktion, sondern von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien bestimmt wird.
Der Begriff Informationsgesellschaft bezieht sich unmittelbar auf die in den letzten Jahrzehnten voranschreitende weltweite Vernetzung: Digitale Datenübertragung, Mobilfunk, Satellitentechnik, Computerisierung und Internet ermöglichen einen beschleunigten Informationsfluss und vergrößern die Masse der übermittelten Daten. Der Austausch von Informationen erhält dadurch gesteigerte Bedeutung im globalen Gesellschaftszusammenhang oder zumindest im Bewusstsein seiner Protagonisten. Inwieweit die moderne Gesellschaft als Ganzes damit auf den Begriff gebracht werden kann, ist umstritten. Allein die Tatsache, dass nur ein Viertel der Menschheit überhaupt einen Telefonanschluss besitzt, scheint die Allgemeingültigkeit der Bezeichnung zu widerlegen. Grundsätzlicher ist der Einwand, dass die Prinzipien der Arbeitsgesellschaft und der Geldwirtschaft durch den beschleunigten Fluss von Informationen schwerlich überwunden werden. Inzwischen geht man allgemein davon aus, dass gesellschaftliche Überbegriffe – wie Kapitalismus, Risikogesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft oder gar global village – mit annähernd gleicher Berechtigung nebeneinander existieren und benutzt werden.
Historisch betrachtet folgte der Agrargesellschaft die mechanische Produktionsweise der so genannten Industrie- oder Arbeitsgesellschaft, deren Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in eine Form mündete, in welcher Dienstleistungen aller Art als Schwerpunkt des ökonomischen Lebens betrachtet wurden. Landwirtschaft und Industrie verschwanden natürlich nicht, die Technisierung führte lediglich dazu, dass sich der gesellschaftliche Aufwand zur Produktion von Nahrungsmitteln und Industriegütern verminderte. Die einstmals vorherrschenden Bereiche wurden zu Sektoren herabgesetzt. Diese Einteilung der Gesellschaft in Sektoren geht auf den französischen Sozialwissenschaftler Jean Fourastiè zurück: Nach seinem inzwischen gängigen Schema bildet die Landwirtschaft den primären, die Industrie den sekundären und der Dienstleistungsbereich den tertiären Sektor. Anknüpfend an seinen Ansatz wird der Bereich der Information und Kommunikation inzwischen als vierter Sektor bezeichnet. Informationsgesellschaft bedeutet also keineswegs, dass keine Rüben mehr gepflanzt, keine Plastikeimer mehr produziert und keine Liebesbriefe mehr transportiert werden. Durch die fortschreitende Technisierung geht lediglich der damit verbundene Aufwand zurück, und die „alten” Sektoren erhalten im gesellschaftlichen Bewusstsein eine geringere Bedeutung. Die Abgrenzung von Dienstleistung und Information erweist sich dabei als schwierig, weshalb die Begriffe Dienstleistungsgesellschaft und Informationsgesellschaft häufig in ähnlichem Zusammenhang benutzt werden.
Die Diskussion über die Schwerpunktverlagerung von der Industriegesellschaft hin zur Informationsgesellschaft beginnt in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ist eng mit dem Namen des Journalisten und Soziologen Daniel Bell verknüpft. In seinem Buch Die nachindustrielle Gesellschaft (1973) stellt er die viel diskutierte Behauptung auf, das Prinzip der Maschinenproduktion werde durch dasjenige des theoretischen Wissens ersetzt, Letzteres mithin zur „ersten Produktivkraft”. Er rechnet mit einer Demokratisierung der Bildung und einer Expansion der Universitäten und erhofft sich von der Klasse der Experten, Wissenschaftler und Technokraten, dass ihr zentrales Interesse nicht mehr der Profit oder eine sozialistische Doktrin sei. Diese Hoffnung auf eine vernünftige Gesellschaft, basierend auf den Vorstellungen der Aufklärung, ist seitdem ein basaler Topos der Debatten über die Informationsgesellschaft und wurde von diversen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern adaptiert. Bell selbst sieht sehr wohl die Probleme seines Modells, indem er Konflikte zwischen den Wissenden und den Laien prognostiziert. Rein faktisch lässt sich einwenden, dass es in den letzten Jahrzehnten durchaus nicht zu einer Demokratisierung der Bildung kam, theoretisch ließe sich fragen, inwieweit Wissen nicht schon immer die erste Produktivkraft war, die Informationsgesellschaft dementsprechend keinen grundsätzlichen Bruch mit vorhergehenden Gesellschaftsformen darstellt. Auf die Tatsache, dass Wissenschaftler nicht jenseits von Profitprinzip und Ideologie denken und handeln, wurde ebenfalls häufig hingewiesen.
Die Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens, die unter dem Begriff Informationsgesellschaft zusammengefasst werden, sind dennoch offensichtlich. Das Internet hat sich in den letzten Jahren zum festen Bestandteil des Daseins moderner Individuen etabliert. Kommunikationstechnik bestimmt die private Verwirklichung und das Berufsleben. Eine wachsende Zahl von Erwerbstätigen ist mit der Anhäufung, Weiterverarbeitung und Verbreitung von Wissen beschäftigt. Der Computer ist zum Basiswerkzeug in fast allen wirtschaftlichen Bereichen geworden und macht eine gewisse Fähigkeit zum abstrakten Denken zur Einstiegsvoraussetzung in vielen Wirtschaftszweigen. Für immer mehr Berufe wird ein höherer Bildungsabschluss verlangt. In unzähligen Verlautbarungen von Politikern und Wirtschaftsführern werden Wissen und Ausbildung als zentrale Bedingungen für eine funktionierende Gesellschaft eingefordert.
Kritische Stimmen stellen allerdings seit Längerem die Frage nach dem Inhalt dieses Wissens. Dabei wird zum einen die Vereinseitigung der Bildung in Richtung auf wirtschaftliche Notwendigkeit beklagt, zum anderen die Besorgnis über die Strukturlosigkeit einer beständig wachsenden Informationsflut geäußert. Die Befürchtung, eine notwendig folgende Desorientierung und Sinnentleerung könne zum Rückzug auf einfache Erklärungsmuster führen (Sekten, Radikalismus, etc.), wird allenthalben geäußert. Vorformuliert wurde die „Kritik der instrumentellen Vernunft” von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
Neben dieser fundamentalen Kritik an der „Informationswucherung” (Botho Strauß) gibt es wachsende Bedenken hinsichtlich der Verteilung des weltumspannenden Wissens. Neue Spalten könnten sich auftun, zwischen Wissenschaftlern und Laien, zwischen denen, die an den modernen Kommunikationstechnologien partizipieren und denen, die von ihren Segnungen ausgeschlossen sind. Es könnten sich Informationsmonopole entwickeln, aus denen neue Formen von Machtkonzentration entstehen. Die internationale Vernetzung könnte zur Manipulation des Individuums oder gar zu einem perfekten Überwachungssystem führen, in welchem Behörden, Organisationen und Unternehmen über alle Einzelheiten des Lebens der Individuen Bescheid wissen. Die Karriere der Informationstechnologien ist nicht zufällig verbunden mit der Karriere des Datenschutzes, das Schlagwort vom „gläsernen Bürger” ist unverzichtbarer Bestandteil der Rede von der Informationsgesellschaft geworden.
Die Befürchtungen, die sich mit der beschleunigten Technisierung verbinden, gehen allerdings noch weiter. Immer häufiger wird betont, dass Technik kein soziales Neutrum sei, Wissen mithin kein Selbstzweck. Die Verwissenschaftlichung von Produktion, Dienstleistungsektor und Informationswesen führt zu einer Produktivitätssteigerung, deren Kehrseite in einer Geldwirtschaft logischerweise die so genannte Rationalisierung ist. Düstere Prognosen sprechen inzwischen nicht mehr von der Zweidrittelgesellschaft, sondern davon, dass auf mittlere Sicht 80 Prozent der Weltbevölkerung ökonomisch überflüssig seien. Wie die Maschine die manuellen Fertigkeiten des Menschen ersetzen kann, soll der Computer seine geistigen Fähigkeiten ersetzen können. Wird die Informationsgesellschaft eine Welt von arbeitslosen Wissenden? Soziologen wie Ulrich Beck und Ökonomen wie Jeremy Rifkin verorten den zukünftigen Aufgabenbereich des Menschen deshalb im sozialen und kulturellen Sektor. Die Zukunft der Individuen in der Informationsgesellschaft liegt nach ihren Vorstellungen jenseits des bloßen Profitinteresses. Die Fragen der Wertschöpfung und der Finanzierbarkeit, die in einer über Geld vermittelten Welt zentral bleiben, werden dabei gerne ausgeblendet.