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Kunstmärchen

Kunstmärchen, literarische Sonderform des Märchens, die im Gegensatz zum anonymen, zunächst mündlich tradierten und in zahlreichen Varianten existierenden Volksmärchen von einem bestimmten Autor verfasst wurde und in ihrer Textgestalt eindeutig fixiert ist. Kunstmärchen zeigen sich demnach von literarischen Strömungen und der Wirkungsabsicht des Autors beeinflusst: Sie können einen betont artifiziellen Charakter aufweisen oder den naiven Ton der Volksmärchen imitieren. Die strenge Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen kam erst durch die Märchenforschung und -dichtung der Brüder Grimm zustande (Kinder- und Hausmärchen, 1812-1815); in ihrer Sammlung finden sich beide Gattungstypen nebeneinander.

Die Geschichte des deutschen Kunstmärchens beginnt mit Christoph Martin Wielands Versgeschichten und Feenmärchen in seinem Erstlingsroman Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva (1764). Johann Wolfgang von Goethes Mährchen in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) ist mit seinem unausschöpflichen Symbolgehalt ein erster Höhepunkt der Gattung und macht das Märchenhafte selbst zum Thema des Erzählens. Ludwig Tiecks epische Märchendichtungen, die Binnenmärchen in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen, E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf (1814) und Clemens Brentanos Gockel, Hinkel und Gackeleia (1811-1838) sind mit ihrem allegorisch-philosophischen oder romantisch-naturhaften Ton (siehe Romantik) Erzählgut für Erwachsene. Insbesondere im 19. Jahrhundert war das Kunstmärchen eine gemeineuropäisch überaus beliebte Gattung und wurde u. a. von George Sand, Hans Christian Andersen und Oscar Wilde genutzt. Psychologisches Interesse weisen die Kunstmärchen der Jahrhundertwende auf, darunter Hugo von Hofmannsthals Das Märchen der 672. Nacht (1895). Auch Autoren des 20. Jahrhunderts bedienen sich des Kunstmärchens mit unterschiedlichster Intention, so Bertolt Brecht, Johannes Bobrowski und Peter Handke.